Unterer Jura (Lias)

Ein sensationeller Korallenfund aus dem obersten Toarcium (Torulosum-Subzone) von Aalen-Westhausen.

Ein sensationeller Korallenfund aus dem obersten Toarcium (Torulosum-Subzone) von Aalen-Westhausen.

von Thomas B.

In diesem Beitrag soll einen sensationeller Einzelfund vorgestellt werden, den mein Sammelkollege und Freund Hans Miksche
von der Gmünder "Geo-Gruppe" gefunden hat.

viel Spass beim Lesen ... und ansehen der Bilder.



Korallen sind im schwäbischen Jura nichts besonderes.
Allseits bekannt sind die perfekt erhaltenen, verkieselten Korallen aus dem Weißen Jura (Malm) z.B. der Gegend um Nattheim und Ulm. Da haben sich teilweise ganze Korallenriffe erhalten.

Daneben gibt es auch im mittleren Braunen Jura (Dogger) zahlreiche Stellen wo man Korallen finden kann (z.B. Aalen-Wasseralfingen, Thalmässing). Dabei handelt es sich jedoch meist um lokale Vorkommen mit isolierten Einzelstücken.

Im Schwarzen Jura (Lias) sieht es nicht ganz so gut mit Korallenfunden aus.

Zwar sind Einzel- u. Stockkorallen aus dem Untersten Jura (Hettangium) bekannt, jedoch zählen diese  zu den absoluten Seltenheiten.
Zu nennen sind z.B. Funde aus dem Luxemburger Sandsteins von Brouch (Hettangium, angulata-Zone) Siehe Link:

 

http://www.agmp.lu/Sammlungen/Meiers/meiers.html

 


Auch für den Schwäbischen Lias gibt es Hinweise auf einzelne Funde.

"BLOOS, G., 1976. Untersuchungen über Bau und Entstehung der feinkörnigen Sandsteine des Schwarzen Jura alpha (Hettangium u. tiefestes Sinemurium) im schwäbischen Sedimenttationsbereich. - Arbeiten aus dem Institut für Geologie und Paläontologie an der Universität Stuttgart 71"

Da werden Korallen aus dem Hettangium/Sinemurium Grenze der Gegend um Schw.Gmünd erwähnt.
Teilweise sollen diese gar nicht so selten sein (Alfdorf, Einzelkorallen).
Trotzdem habe ich in 30 Jahren Sammeltätigkeit nur 2 Einzelkorallen und eine Stockkoralle finden können. Diese habe ich einem befreundeten Korallenspezialisten überlassen.
Die Stockkoralle war dabei vergleichbar mit dem abgebildeten Fund aus dem Luxemburger Sandstein (Siehe Link weiter oben).

Wenn man im Lias Korallen findet, dann eigentlich nur im obersten Lias (Toarcium).
Dabei handelt es sich immer um Einzelkorallen der Gattung: Thecocyathus.

Diese treten ab dem europ. Ober-Toarcium erstmals auf ... und sind stellenweise ziemlich häufig.

Zu nennen sind insbesondere 2 Arten:
Thecocyathus mactrus (Durchm. meist 1 bis. 2 cm)  bzw.
Thecocyathus tintinnabulum (Durchm. meist 0,4 bis 0,75cm).
Diese sind in fast allen Jura Sammlungen zu finden.

Meist findet man diese lose - selten auch mal aufgewachsen z.B. auf ein Ammoniten- oder Belemnitenbruchstück.

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Abb.1: Thecocyathus mactrus (große Exemplare, rechte Bildhälfte), Thecocyathus tintinnabulum (kleine Exemplare, linke Bildhälfte)


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Abb.2: Thecocyathus mactrus


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Abb.3: Thecocyathus tintinnabulum


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Abb.4: Thecocyathus tintinnabulum, Durchm. ca. 6mm, Aufgewachsen auf eine Ammonitenschale. Zusammen mit mehreren Serpeln (Würmern).


In diesem Beitrag möchte ich einen Fund von der Schwäbischen Alb (Ostalb) vorstellen, der ziemlich einmalig ist.

Es handelt sich um einen Korallenstock aus dem obersten Schwarzen Jura (Lias Zeta) genauer aus dem  Oberstes Toarcium (Torulosum-Subzone).

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Abb.5: Korallenstock aus der Torulosum-Subzone von Aalen-Westhausen / Oberseite.


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Abb.6: Korallenstock aus der Torulosum-Subzone von Aalen-Westhausen / Unterseite

Größere Korallen sind aus dem mitteleurop. Toarcium nicht bekannt weshalb man wohl davon ausgehen kann, dass die Lebensbedingungen nicht sehr günstig waren.

In der mir zur Verfügung stehenden Literatur bzw. im Internet fand ich keinerlei Hinweise auf stockbildende bzw. koloniebildende Korallen in diesen Schichten.

Um so erstaunter war ich - und ganz sicher auch der Finder Hans Miksche ( kurz H.M) - als wir vor etlichen Jahren auf einer Baustelle zum Bau der A7 eine perfekt erhaltenen, pilzförmigen bzw. tellerförmigen Korallestock fanden.

Aber zunächst der Reihe nach.

Zu der Zeit wurde die Bundesautobahn A7 von Heidenheim nach Würzburg verlängerte. Im Bereich zwischen der heutigen Ausfahrten Ellwangen-Neunheim und der Talbrücke bei Aalen-Westhausen waren die Schichten der unteren Juras in idealer Weise - und über einen langen Zeitraum -  aufgeschlossen.

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Abb.7: Aufschluss im Lias Zeta-Dogger Alpha beim Autobahnbau (A7) bei Aalen-Westhausen - ca. Aug. 1986
Blick Richtung Süden auf die Schwäb. Alb. Das Photo wurde kurz vor dem Fund gemacht.

Welch ein Zufall ... dass ich zu dieser Zeit meinen Grundwehrdienst in Ellwangen ableistet ...
und die Trasse der A7 zudem noch den Standortübungsplatz tangierte.
So konnte ich die Bautätigkeiten ständig im Auge behalten.

Über viele Monate inspizierte ich fast fast täglich die Baustellentrasse nach neu aufgeschlossenen fossilführenden Schichten. Somit war die Chance gegeben, auch mal etwas selteneres zu finden als immer nur Belemniten, Muscheln u. Ammoniten ... die meist meist die Hauptausbeute darstellten.

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Abb.8: Derselbe Aufschluss wenige Wochen später. Die Schichten sind fast ganz "ausgeräumt".

An einem Samstag waren wir mal wieder gemeinsam schon in den frühen Morgenstunden losgezogen um unser Glück zu versuchen. Mehr oder wenig erfolgreich - aber trotzdem hungrig - machten wir inmitten der Baustelle Vesper. Um eine Sitzfläche zu erhalten, bearbeitete H.M. einen großen Tonklumpen mit dem Hammer ... und fand dabei ... nach wenigen Schlägen die besagte wunderbare Koralle ... einfach so ... und ohne diese mit dem Hammer zu "verletzen".

Diese Geschichte ist kaum zu glauben ... aber ist genau so passiert .

Aufgrund des anhaftenden Tongesteins war klar, dass die Koralle von dort stammen mußte, wo wir diese gefunden hatten. Da ständig große Muldenkipper Aushub über die Trasse transportierten ... wäre es auch möglich gewesen, dass diese von einem Lastwagen heruntergefallen ist.
Eine Verwechslungsgefahr hätte höchstens noch mit dem Lias Beta und Lias Delta bestanden.
Diese Schichten sehen den Tonsteinen des obersten Toarcium zum Verwechseln ähnlich. Aber zu der Zeit waren die Erdarbeiten in diesen Schichten schon abgeschlossen weshalb man eine "Verschleppung durch LKW Transport" an den Fundort ausschließen konnte.

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Abb.9: Korallenstock leicht von der Seite um den trichterförmig zulaufenden  "Fuss" besser zu zeigen zu können.

An der Fundstelle stand der Übergangsbereich Schwarzer Jura Lias Zeta zum Braunen Jura Dogger Alpha an.
Die Schichten im Aufschluss bestanden aus dunklen Tonsteinen die massenhaft verdrückte Pleydellien , etliche Pachylytoceras torulosum sowie zahlreiche Belemniten u. Muscheln enthielten. Leioceraten traten noch keine auf. Die folgten erst erst etwas höher im Profil. Somit war die Fundschicht eindeutig identifiziert.

Wir befinden uns also in der sog. Torulosum-Subzone die seit einigen Jahren dem obersten Toarcium zugerechnet wird. Sie endet dort, wo die ersten Leioceraten auftreten ... und somit das Aalenium beginnt.

Die Koralle wurde nach dem Auffinden nur mit Wasser und Seife leicht abgewaschen.
Es war also keinerlei Präparation im eigentlichen Sinne notwendig.
Evtl. wäre es möglich, die Koralle mithilfe von Chemikalien noch gründlicher zu reinigen !?
Sicherlich würden dann die einzelnen Korallenkelche bzw. die Septen besser zur Geltung kommen.
Aber um jegliche Gefahr von irreparablen Beschädigungen zu Vermeidung ... wurde darauf bis heute verzichtet.

Die Erhaltung der Koralle ist geradezu perfekt. Bis auf eine kleine Stelle am Rand, wo man die helle
Grundmasse des Fossils erkennen kann, ist diese absolut und ohne jegliche Beschädigung erhalten.
Selbst kleinste Details in den Kelchzentren kann man erkennen - und das - ohne großartige Präparation.

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Abb.10:  Der trichterförmig zulaufenden  "Fuss"  aus der Nähe


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Abb.11:  Und nochmals ganz nah um die feinen, wuderbar erhaltenen "Lamellen" besser erkennen zu können.


Aufgrund dieser einmaligen Erhaltung ist davon auszugehen, dass die Koralle mehr oder weniger an dem Ort eingebettet wurde ... an dem sie gelebt hatte. Andernfalls wären sicherlich mehr Beschädigungen durch Abrollung etc. zu erkennen.

Aber wie kann man erklären, dass in einem Meer, in dem gerade mal kleine Solitärkorallen häufiger leben konnten, plötzlich so eine großer Korallenstock dazwischen ist ?

Es ist kaum anzunehmen, dass der Korallenstock der einzigste auf weiter Flur gewesen ist.
Kein Lebewesen lebt ohne gleichartige Individuen derselben Art zu einer bestimmten Zeit der
Erdgeschichte. Nur, warum hat man bisher keine weiteren gefunden ?
 
Wenn eine Koralle günstige Lebensbedingungen vorgefunden hat ... dann sicherlich andere Individuen auch.

Nur ... wo sind diese geblieben ?

Wurden diese bereits vor der Fossilisation zerstört ?

Warum wurde von anderen Sammlern bisher nichts vergleichbares gefunden ?
Die Tone der Torulosum-Subzone wurden früher zu Ziegeln verabeitet (z.B. Heiningen bei Göppingen). Da kam sicherlich über die Jahre viel Material heraus ... das auch von Sammlern kontrolliert wurde.

Nur ... gefunden wurde nach meiner Informationen nichts dergleichen.

Viele Fragen ... die wahrscheinlich unbeantwortet bleiben werden !?

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Abb.12:  Blick auf den Randbereich der Oberseite

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Abb.13:  Kelche aus der Nähe

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Abb.14:  Großaufnahme der Kelchzentren

Leider gibt es über liassische Korallen im allgemeinen bzw. über Korallen aus dem Toarcium keine - mir zugängliche - weiterführende Literatur ... sodass ich mich an entsprechende Spezialisten in Stuttgart, München bzw. Berlin gewandt habe.

Aber auch dort war man sich nicht genau sicher ... um welche Gattung es sich wohl handele.

Aus München bzw. Berlin erhielt ich - kurz zusammengefaßt - folgende Informationen:

Unterjura-Koloniekorallen aus einer regelrechten Riff-Fazies kennt man meines Wissens nur aus Marokko (u.a. Beauvais 1994). Darüber hinaus sind allerdings Koloniekorallen z.B. aus dem mit Süddeutschland faziell vergleichbaren Unterjura von England bekannt (Duncan 1867, Revision von L. Beauvais 1976), u.a. aus Dorset (z.B. Lym Regis).  Auch hier handelt es sich nicht um Riffe i.e.S., sondern um maximal rasen- bzw- biostromartige Vorkommen. In Frage kommen grundsätzlich die Gattungen Isastrea bzw. Heterastrea, ev. auch Goldfussastrea".
" ... für Microphyllia zu wenig Septen, für Ovalastrea fehlt der definierte Kelchrand? Ist (etwas undeutlich) wohl cerioid (mit Übergängen zu thamnasterioid??), aber auch nicht ganz typisch. (Prof. R. Leinfelder, Dr. M. Nose)

In Stuttgart war man folgender Meinung
"Bei Ihrem Stück handelt es sich um die Gattung Trigerastraea " (Dr. G.Schweigert)

Aber leider gibt das Internet keinerlei Informationen zu dieser Gattung her weshalb mir Vergleichsabbildungen zur Verifizierung fehlen.

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Abb.15:  Großaufnahme der Stelle, wo man die "Grundmasse" des Korallenstockes sieht. Auffallend bei dem Fundstück ist die relative "Schwere" des Stückes. Die muss mit dem Material zusammenhängen, aus dem die Koralle besteht.

Der Fund scheint also nicht nur ein absolutes Unicum zu sein ... er scheint momemtan auch nicht sicher bestimmbar zu sein.

Somit hat H.M. eines der seltesten Fossilien in seiner Sammlung.
Denn ... alleine vom Archaeopterix gibt es mind. 10 bekannte Exemplare ... und damit 9 mehr !

Vielleicht findet sich - durch diese Veröffentlichung im Internet - jemand, der eine vergleichbare Koralle
 im Toarc bzw. im Lias gefunden hat ??

Zur Not ... auch in den anderen Schichten des Juras .... ?

Herzlichen Dank an den Finder, der mit gestattete sein Prachtstück abzulichten ... und an die Herren in den Museen bzw. an den Instituten für Ihre Hilfe. Vielleicht schafft man ja es doch noch, das Prachtstück zu bestimmen - und zwar ohne es dabei zerstören zu müssen.