Oberer Jura (Malm)

Ein Euaspidoceras aus dem Oxfordium des Calvados

Die Falaises des Vaches noires sind eine klassische Fundstelle der Paläontologie und wurden von RICHTER 1990 und HÄGELE 2004 ausführlich besprochen. Auch auf Steinkern.de findet sich bei SIMONSEN 2005 unter dem Titel Fossilien sammeln im Calvados eine Kurzbeschreibung im Rahmen eines umfangreichen Calvados-Berichts. Für kommende Veröffentlichungen in DER STEINKERN sind Artikel mit Blickrichtung auf Strandgerölle aus dem Oxfordium (S. Simonsen, nachträglicher Hinweis: mittlerweile erschienen in Heft 5 - DER STEINKERN) und aus dem Cenoman der Falaises des Vaches noires (B. Jochheim) in Vorbereitung.

Die Vaches noires erschließen ein (natürlich nicht lückenloses) Schichtspektrum vom Mittleren Jura (Callovium) bis zur Oberkreide und eröffnen damit seit Jahrhunderten hervorragende Studienmöglichkeiten für Fossiliensammler und Paläontologen. Genaueres lässt sich in den genannten Veröffentlichungen nachlesen, an dieser Stelle möchte ich mich auf die Vorstellung eines konkreten Fundes beschränken:

Dabei handelt es sich um einen Ammoniten, den mein Vater bei der Suche unweit von Houlgate im Rahmen unseres Herbsturlaubs 2009 fand. Aufgrund des erst in den letzten Jahren statuierten Verbots der Begehung der Steilhänge, beschränkt sich die Suche inzwischen auf Gerölle am Fuße der Steilküste und als solches fand mein Vater auch den vorgestellten Ammoniten, dessen Präparation ich Anfang März 2010 in Angriff nahm.
Nach Fertigstellung schlug ich den Ammoniten zum Fossil des Monats März 2010 bei Steinkern.de vor und freute mich heute darüber, dass er von den Mitgliedern tatsächlich gewählt wurde. Dies gab mir den Anlass zu diesem spontan verfassten Kurzbericht.

fundstelle_vaches_noires.jpg
Abb. 1: Fossiliensuche in den Strandgeröllen am Fuße der Falaises des Vaches noires; das Foto entstand in der Nähe von Houlgate. Foto: Hermann Simonsen

fundstelle_vaches_noires2.jpg
Abb. 2: Der vom Meer bei Flut erreichte Mergel, meist bestehend aus einem Mischmasch aus Callovium- und Oxfordium-Mergeln mit darin enthaltenen Gesteinsbrocken aus allen im Profil angeschnittenen Schichten, ist immer eine Untersuchung wert. Herabgefallene Fossilien die gerade erst durch die letzte Flut aus dem Mergel größtenteils herausgewaschen wurden und noch partiell in ihm stecken, sind manchmal fast unbeschädigt. Dagegen sind die Fossilien im Schuttfuß auf Strandhöhe teilweise schon so stark abgerollt, dass Zweifel an ihrer Sammelwürdigkeit aufkommen. Hier gilt: Je weniger von einem Fossil freiliegt, desto besser. Unter dem schützenden Gesteinsmantel sind äußerlich "angefressene" Fossilien oft noch sehr gut erhalten. Foto: Hermann Simonsen

euaspi1_waehrend_der_praeparation.jpg
Abb. 3: Der Ammonit, den mein Vater im Strandgeröll fand, war stellenweise abgerollt, aber zumindest von einer Seite noch weitgehend gesteinsüberdeckt, was zumindest Anlass zu leiser Hoffnung auf ein insgesamt recht gut erhaltenes Stück gab. Die obige Abbildung 3 zeigt den Ammoniten in einem Stadium während der Präparation. Es waren zu diesen Zeitpunkt nur noch härtere Verkrustungen im Bereich der Innenwindungen und ein paar Feinheiten weg- bzw. herauszupräparieren. Leider habe ich die zuvor mit Druckluftpräpariertstichel und Sandstrahlgerät unter Verwendung von Eisenpulver durchgeführte Präparation nicht schrittweise dokumentiert, da ich zunächst nicht mit einem nennenswerten Ergebnis gerechnet hatte. Als ich erkannte, dass die Erhaltung des Ammoniten (was nach Literaturangaben nicht die Regel ist) im Bereich der Innenwindungen sehr gut werden würde, war die Neugier so groß, dass ich vor der Foto-Pause fast bis zur Fertigstellung arbeitete. Im Verlauf der Präparation mussten einige Kleinfossilien und Muscheln, die sich in der Gesteinsüberdeckung befanden leider wegpräpariert werden, weil sonst die angestrebte Freilegung der Innenwindungen unmöglich geworden wäre. Fossilien in unmittelbarer Nähe zum Ammoniten (hauptsächlich die Serpuliden) habe ich dagegen erhalten können. Der Serpulidenbewuchs weist darauf hin, dass der Ammonit vor der Einbettung eine gute Weile am Meeresboden gelegen hat, was ihn zu einem beliebten Siedlungsgrund werden ließ. Dass sich auch auf der Rückseite ein Serpulide befindet, lässt auf Umbettung schließen. Diese wird auch allgemein für Teile der Oxfordium-Schichten an den Vaches noires angenommen. Belege für die Aufarbeitung ganzer Schichten werden in Serpelbewachsenen Ammonitensteinkernen gesehen.

euaspidoceras2.jpg
Abb. 4: Zirka eine Stunde nach der Aufnahme von Abb. 3 war die Präparation des Ammoniten abgeschlossen. Die Erhaltung der Innenwindungen erwies sich als optimal. Der Ammonit wurde nach dem Präparieren mit Rember Steinpflegemittel eingepinselt.

euaspidoceras3.jpg
Abb. 5: Detailaufnahme der inneren Windungen. Es lässt sich erkennen, dass sich die Ausbildung der charakteristischen Dornen erst im Verlaufe des Wachstums immer deutlicher zeigt.

euaspidoceras4_siphon_detail.jpg
Abb. 6: Der Abrollung sei Dank kann im Venterbereich der Siphon des Ammoniten stellenweise gesichtet werden, der die einzelnen Luftkammern des Ammoniten miteinander verband.

euaspidoceras_lobenlinie.jpg
Abb. 7: Lobenzeichnung auf der Außenwindung. Dieser Teil des Ammoniten schaute bereits vor der Präparation aus dem Gestein. Das Meer hat die Schale abgeschliffen und somit einen wunderbaren Kontrast zur Schalenerhaltung geschaffen.

Es handelt sich bei dem Ammoniten um ein zirka 14 cm großes Euaspidoceras aus dem Mittleren Oxfordium. Euaspidoceraten sind durchaus keine untypischen Ammoniten an den Vaches noires. Um ein Stück dieser Erhaltungsqualität zu finden, bedarf es schon eines gerüttelt Maßes an Glück, wenn man nicht allzu oft die Gelegenheit hat, vor Ort zu suchen. Wer selbst einmal an den Vaches noires sammelt und kein Euaspidoceras findet, wird dafür reichlich andere Fossilien entdecken können. Bisweilen sind solche Highlights darunter, die Regel stellen sie jedoch nicht dar.

Fotos soweit nicht anders angegeben: Sönke Simonsen

Sönke Simonsen


Weiterführende Literatur:

Hägele, G. (2004): Strandfunde aus dem Oberen Jura der Normandie, in: Fossilien, Heft 2 / 2004, S.  107-112.

Richter, A. E. (1990): Jura und Kreide von Villers-sur-Mer, in: Klassische Fundstellen der Paläontologie (Hrsg. W. K. Weidert), S. 163-174.

 

 heft5_miniatur.jpg

Informationen zur Zeitschrift.
Unser Lesetipp in der Steinkern-Zeitschrift:

Fossilien aus dem Oxfordium der Falaises des Vaches Noires
von Sönke Simonsen

Die an der Côte Fleurie gelegenen Falaises des Vaches Noires zählen zu den Klassikern unter den Fundstellen. Sammler und Paläontologen schätzen den Küstenaufschluss gleichermaßen - und das seit Jahrhunderten. In diesem Beitrag wird ein einleitender Überblick über den Fundort gegeben und es werden einige der vielfältigen Fossilfunde aus Strandgeröllen des Oxfordiums vorgestellt.

10-seitiger Bericht in Heft 5 von Der Steinkern.