Oberer Jura (Malm)

Ein Alltagsfund mit Überraschungen

Physodoceraten gehören im Malm Gamma 1 zu den "Alltagsfunden". Kaum ein Ausflug in diese Schichten endet ohne einen dieser kugeligen, aufgeblähten Ammoniten der Art Physodoceras circumspinosum (OPPEL). Oft sind diese zudem noch mäßig erhalten, zeigen aufgrund einer generellen Skulpturarmut auch keine großartigen Besonderheiten. Dennoch, das muss ich gestehen, üben diese "Dickerchen" eine gewisse Faszination aus.

Anhand eines solchen scheinbaren Alltagsfundes möchte ich jedoch einmal beschreiben, dass auch solche Funde mit Besonderheiten aufwarten können und deshalb auf jeden Fall immer genau betrachtet werden sollten. Vieles offenbart sich erst bei genauerem Hinsehen, manches ist offensichtlich. Der hier vorgestellte 12cm messende Physodoceras circumspinosum stammt aus dem oberen Malm Gamma 1, genauer der Bank 248, aus Gräfenberg. Die auch dort sehr gehäuft vorkommenden Exemplare zeigen mitunter beachtliche Durchmesser (über 20cm) aber leider zumeist eine schlechte Erhaltung mit verdrücktem Phragmokon.

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Abb 1 - Physodoceras circumspinosum, Malm Gamma 1 oben, Gräfenberg, 12cm Durchmesser

Als Besonderheit warten die Physodoceraten des oberen Malm Gamma 1 mit einer wulstigen Ventralberippung auf. Jedoch zeigen nicht alle Exemplare diese Eigenschaft, weshalb eine artliche Abgrenzung bisher zurecht nicht erfolgte. Vielmehr handelt es sich somit um eine innerartliche Variationsbreite. Zu diesen wulstigen Ventralrippen können sich lateral nur unscharf abzeichnende Anwachstreifen zeigen. Diese sind jedoch erhaltungsbedingt nur selten überliefert. Glücklicherweise zeigt dieser Physodoceras beide Merkmale in einer ausgesprochen deutlichen Ausprägung.

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Abb 2 - Laterale Anwachsstreifen

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Abb 3 - Sehr deutlich ausgeprägte ventrale Wulstrippen

Als weitere Besonderheit ist das Phragmokon als kristalisierter Hohlraum erhalten. Durch einen Bruch beim Aufspalten des Steins entstand ein Fenster in das Phragmokon, welches einen schönen Blick auf eine "Kristall-Landschaft" ermöglicht. Leider ist das fotografisch nur schwer festzuhalten.

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Abb 4 - auskristalisierter Hohlram im Bereich des Phragmokons

Fast alle Physodoceraten zeigen zudem Spuren Epökischer Besiedlung - zumeist Serpel. Die Schale der Amomniten ist zwar nicht erhalten, durch die besondere Erhaltung als Prägesteinkern, wurden aber die von den Serpeln hinterlassenen Spuren ebenfalls durchgeprägt und sind als Rinne oder sehr selten als calzitisierte Röhre erhalten. Auch diese Spuren lassen sich auf dem Exemplar entdecken.

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Abb 5 - Abdruck eines Serpelbewuchses mit einer gestreckten Gesamtlänge von 10,5 cm

Auch die Rückseite zeigt einen vermutlich auf eine Besiedlung durch Epöken zurückzuführenden Abdruck. Das Gebilde misst im Maximum 14x10mm und ist etwa einen Milimeter tief eingeprägt. Der Verursacher ist bisher unbekannt. Für Hinweise bin ich natürlich sehr dankbar.

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Abb 6 - Abdruck einer Epökenbesiedlung

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Abb 7 - Detailaufname des Abdrucks

Als charakteristisches Merkmal für die Art Physodoceras circumspinosum gelten die an der Nabelwand sitzenden und Richtung Nabelmitte gerichteten Knoten, die mitunter zu spitzen Dornen ausgezogen sein können. Häufig sind von diesen Dornen nurnoch die Basisknoten erhalten. Die Detailaufnahme des Nabels zeigt hier eine recht gute Erhaltung der Dornen, eine Präparation ist jedoch aufgrund der groben Calzitisierung und des harten Umgebungsgesteins - zumindest für mich - nicht durchführbar.

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Abb 8 - Bedornung des Nabels

Erst zuhause ist mir dann der Querbruch eines Aptychus aufgefallen. Dieser sitzt in der leider nicht komplett überlieferten Wohnkammer und ist vermutlich zum Physodoceras gehörig. Leider war die Bruchstelle schon in der Fundsituation vorhanden, weshalb der fehlende Rest des Aptychen nicht aufgefunden werden konnte. Andererseits ermöglicht erst dieser Bruch überhaupt die Entdeckung. Solche "in situ" Funde der Aptychen sind bei Physodoceraten zwar selten aber keine ausgesprochenen Raritäten. Oft bleiben diese Aptychen jedoch unentdeckt in der Wohnkammer verborgen, nur selten stechen sie durch eine verdrückte Wohnkammer hervor oder zeichnen sich auf der Oberfläche ab.

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Abb 9 - Aptychus in der Wohnkammer

Schon interessant, was ein scheinbarer Alltagsfund alles erzählen kann...

Fotos, Fund und Sammlung Andreas Martin