Mittlerer Jura (Dogger)

Ein Isopode im Mittelbajocium von Velpe bei Osnabrück (Crustacea, Dogger, NW – Deutschland)

Ein Isopode im Mittelbajocium von Velpe bei Osnabrück (Crustacea, Dogger, NW – Deutschland)

von Frank A. Wittler


Zusammenfassung:

Aus dem mittleren Jura (Dogger), Mittelbajocium, Zone des Garantiana baculata wird ein Isopodenrest beschrieben. Das Fundstück entstammt der ehemaligen Tongrube Spieker nahe Lotte bei Osnabrück.
Überliefert sind „Schwanzschild“ (Pleotelson) und 4 im Zusammenhang befindliche Körpersegmente (Pleosomite). Die Gestalt des Pleotelson ist trapezförmig – gerundet, die Ränder nicht gezähnelt.
Der wulstartig erhöhte Pleotelson - Rand weist saumartig porige Eintiefungen auf. Die Einbettungslage ist nicht gestreckt, sondern eingerollt.
Die Loslösung der im Zusammenhang befindlichen Pl I – IV von den nicht überlieferten „vorderen“ Pleosomiten und Pereiosomiten lässt vermuten, dass es sich um einen Häutungsrest handelt. Eine Bestimmung ist nur unter Vorbehalt möglich, jedoch scheint das Fossil wegen der Gestalt des Pleotelson der Gattung Urda nahezustehen.


1. Einleitung

Die jurassischen Gesteine des Osnabrücker Berglandes sind seit vielen Jahrzehnten Gegenstand geologischer Forschung mit umfassenden Bearbeitungen im 19. und beginnenden 20. Jahrhundert z.B. durch Bölsche (1883), Trenckner (1872, 1881), Wetzel (1911). Seit dieser Zeit ist das Gebiet fast nur Gegenstand zusammenhängender Beschreibungen geworden, wie z.B. durch  Hoffmann (1952b) und Kumm (1941, 1952), nur wenige Arbeiten beziehen sich indirekt auf das Profil der Grube „Spieker“ (Hoffmann (1952a), v. Rücker (1972)). Eine umfangreichere Darstellung – auch des Erforschungsweges sowie der Grube – wird in den nächsten Wochen in einem grubenbezogenen Beitrag erscheinen, daher ist die hier genannte Literaturangabe sehr unvollständig gehalten.

Die ehemalige Tongrube Spieker in der Nähe von Lotte im Osnabrücker Bergland war bis vor wenigen Jahren einer der letzten interessanten dauerhaften Aufschlüsse im Gebiet und erschloss Gesteine des oberen Lias bis mittleren Dogger. Nach der ersten Teilverfüllung im Jahre 1994, (ciao Lias + Aalenium), bestand bis vor kurzem noch die Möglichkeit, die noch freien Bereiche des Bajocium zu begehen und besammeln. Seit 2001 ist die Grube rückgebaut und liegt nun zentral in einer größeren Golfplatz – Anlage.

Fossil traten primär Ammoniten, Muscheln, Belemniten in sehr großer Zahl auf. Andere Fossilien waren selten.

Ein bemerkenswerter Einzelfund ist der hier kurz beschriebene Rest einer Meerassel (Isopode). Derartige Reste wurden bislang nicht abgebildet in der Literatur für den Jura von NW – Deutschland, einzig zwei Erwähnungen finden sich in METZ (1991, ohne Abb.) sowie WITTLER (2007, dieses Fundstück).

Das Fundstück wurde von einer Sammlerin (R. Roth) entdeckt und mir dankenswerterweise überlassen, sie entdeckte es bei der geduldigen Durchsicht der wirklich zahlreichen kleinen meist fossilleeren Konkretionen der unteren baculata – Zone. Vermutlich handelt es sich um einen Teil eines Häutungsrestes. Vorhanden sind Schwanzschild (Pleotelson) und 4 Segmente des hinteren Körperabschnittes (Pleosomite). Die Gestalt des Pleotelsons lässt eine Zuordnung zur Gattung Urda vermuten.

Mein Dank gilt hier rückwirkend den Herren M. Metz, R. Metzdorf und M. Schürbrock für die Unterstützung bei der (leider erfolglosen) Suche nach weiteren Isopodenresten aus dem Dogger der Grube bzw. Gegend. Mein herzlicher Dank besonders auch an Frau R. Roth (Zürich) für die Überlassung des Fundstückes und die schönen Zeiten im Gelände.


2. Geologischer und geographischer Rahmen

Die Tongrube der Recker Ziegeleiwerke liegt im Industriegebiet Velpe (Gemeinde Westerkappeln, Kreis Steinfurt) am Nordwestrand des Teutoburger Waldes. TK 25 Hasbergen 3713, re 235530, h 92200.
Stratigraphisch umfasst die erschlossene Schichtenfolge (ab 1994) Mittel- und Oberbajocium mit einer Gesamtmächtigkeit von über 45 m (Otoites sauzei – Zone bis Parkinsonia acris – Subzone) mit je nach Schichtbereich siltarmen bis siltigen Tonsteinen. Im gesamten Profilbereich traten in klar erkennbaren Bändern Toneisensteinkonkretionen auf (Ausschnittsprofile und Details siehe WITTLER & MUTTERLOSE (1996)).


3. Allgemeines zur Morphologie der Isopoda

Isopoden haben, ähnlich den Trilobiten, einen dreigeteilten Körper. Dieser trennt sich in Kopfschild (Cephalon), Segmente (Pereiosomite und Pleosomite) sowie Schwanzschild (Pleotelson) auf. Sowohl das Cephalon als auch das Pleotelson weisen zudem noch eine größere Zahl weiterer Elemente auf.

Seitlich an den Segmenten befinden sich Beinchen, die der Fortbewegung dienen (Pereiopoden). Ebenso zeigen die Schwanzschilder weitere Ansatzelemente, die als Uropoden bezeichnet werden und ebenfalls der Fortbewegung und Stabilisierung dieser dienen. Isopoden sind meist kleinwüchsige Krebstiere, die selten eine Gesamtkörperlänge von über 100 mm erreichen.


4. Systematik

Stamm Crustacea PENNANT 1777
Klasse Malacocostraca LATREILLE 1806
Subklasse Eumalacostraca GROBBEN 1892)
Ordnung Edriophthalma LEACH 1815
Subordnung Isopoda LATREILLE 1817
Infraordnung Flabellifera SARS 1882


4.1 Beschreibung

Matrix des Fossils ist eine längsovale, seitlich kompaktierte Konkretion, die äußerlich eine leichte Verwitterungskruste zeigt. Grundfarbe der Konkretion ist dunkelgrau, fast schwarz, die Außenkruste ist rötlich – braun.

Gesamtlänge der Konkretion ist 29 mm, die Breite beträgt maximal 21 mm und das Höhenmaß beträgt 16 mm. Ein Längsende der Konkretion ist geöffnet, das hier beschriebene Fossil freigelegt.

Das vorliegende Fundstück ist unvollständig. Erhalten sind Schwanzschild (Pleotelson) sowie die vier letzten Elemente des segmentierten Körpers (Pleosomite).

meerassel1.jpg

meerassel2.jpg

Zum Vergleich habe ich ein nahezu vollständiges Stück aus dem Cenoman abgebildet. Es gibt zwar deutliche Unterschiede zum hier abgebildeten Exemplar aus dem Dogger, aber für einen Eindruck, wie diese Tiere mal ausgesehen haben, reicht es - denke ich.

Isopode_Cenoman.JPG
Zum Vergleich: Eine Meerassel aus dem Cenoman.


4.1 Pleosomite

Segment 1 – IV: (Pl I - IV): Die Einzelsegmente sind sich in Form und Größe bis auf Größenunterschiede, die unter der Dimension eines halben Millimeters liegen, nahezu deckungsgleich. Sie stehen im engen Kontakt zueinander ohne Zwischenfreiflächen.
Ein Einzelsegment ist etwa 9 mm breit und 2 mm lang. Es erscheint in der Aufsicht konkav gebogen und ähnelt in der Gesamtform einem stilisierten Bumerang.
Nur an den Segmentseiten sind Reste der umgewandelten Schale überliefert, ansonsten liegen sie als Steinkern mit gut erkennbarer Feinstruktur vor.
Die seitliche Wölbung (Höhe des Einzelsegmentes) beträgt etwa 1,5 mm, so dass der Isopode im Querschnitt leicht aufgewölbt erscheint.


4.1.2 Pleotelson:

Die substanzielle Überlieferung des Pleotelsons ist relativ gut. Erkennbar sind Reste der umgewandelten Schale, so dass auch Oberflächenmerkmale zu studieren sind.

Das Pleotelson ist länger, als es maximal breit ist. Die Maße betragen 11 x 9 mm.
In der Gesamtform ist es mehreckig – dachförmig, es sei hier auf die obigen Abbildungen verwiesen, um die Gestalt zu erfassen.

Der Pleotelsonrand ist leicht erhaben und auf der Oberseite wulstartig verbreitert. Die relative Höhe zum Mittelbereich des Pleotelsons ist jedoch gering und liegt in einer Dimension von etwa einem halben mm.
Sowohl der Rand als auch die Mittelfläche sind deutlich geport.

Das Pleotelson erscheint in der Aufsicht bilateral symmetrisch mit einer Trennlinie, die als Verlängerung der Achse des Gesamttieres verläuft. Es ist eine leichte zentrale Erhebung erkennbar, die nicht scharf zu den Seiten begrenzt ist, sondern sanft geschwungen in die leicht eingesenkte Zwischenfläche zum Pleotelsonrand hin verläuft.
Der Pleotelsonrand ist glatt ohne anhängende weitere morphologische Merkmale wie Stacheln, Dornen, Einsenkungen oder Wölbungen.


5. Diskussion

Die Problematik in der Zuordnung fossiler Isopoden ist in mehreren Faktoren begründet. Einerseits sind besonders für die populären Gattungen Palaega und Urda nur unvollständige Exemplare für die Beschreibung der Holotypen definiert worden. Diese stützen sich auf die Gestalt des Pleotelsons, der einzelnen Körpersegmente sowie Teilen des Cephalons. Besonders für die Gattung Palaega ist sogar selbst letzteres nicht in der Originalbeschreibung (WOODWARD, 1870) erwähnt. Eine gute Zusammenfassung gibt hier ETTER (1983). Zum anderen werden rezente Isopoden anhand verschiedener Körperanhänge definiert (z.B. Mundwerkzeuge), die im fossilen Befund fast nie überliefert sind.
Insofern ist es eher sinnvoll, die fossilen „Palaega“ und auch „Urda“ eher als Formengattung zu betrachten, wie es z.B. für den Röhrenwurmtyp „Serpula“ gehandhabt wird. (Die Problematik wird seitens des Autors bereits umfassend diskutiert (WITTLER 2001), es sei auf die diesbezügliche Publikation verwiesen.)


6. Literatur

BÖLSCHE; W. (1883): Zur Geognosie und Palaeontologie der Umgebung von Osnabrück.- Jber. naturwiss. Ver. Osnabrück, 5: 141 – 162; Osnabrück.

ETTER, W. (1988): Isopoden und Tanaidaceen (Crustacea, Malacostraca) aus dem unteren Opalinuston der Nordschweiz.- Ber. Schweiz. Paläont. Ges., 67 Jahresvers. In Eclogae Geologicae Helvetitiae 81 (3): 857 – 878; Birkhäuser, Basel.

HOFFMANN, K. (1952a): Das Lias - Profil der ehemaligen KRAMER´schen Ziegeleitongrube in Hellern bei Osnabrück.- Veröff. naturwiss. Ver. Osnabrück 25: 75 – 86; Osnabrück.

HOFFMANN, K. (1952b): Stratigraphie und Fazies des Lias und Dogger bei Osnabrück. In: Geologischer Exkursionsführer für Osnabrück.- Veröff. Naturwiss. Ver. Osnabrück, 26: 20 – 23; Osnabrück.

KUMM, A. (1941): Das Mesozoikum von Niedersachsen. 1. Abt.: Trias und Lias.- Schr. d. Wirtschaftswiss. Ges. z. Studium Nieders., 2: 327 S.; Hannover.

KUMM, A. (1952): Der Dogger (Mittlerer oder Brauner Jura). Das Mesozoikum in Niederschsen.- Nieders. Amt f. Landesplanung und Statistik, 2: 329 – 509; Hannover.

METZ, M. (1991): Ein neues Bajocium - Profil (Mittlerer Jura) im Osnabrücker Bergland (Niedersachsen).- Jber.Nat. Ver. Osnabrück, 16: 7 – 30; Osnabrück.

RÜCKER, E. G. von (1972): Geologische Kartierung des Jura bei Velpe und Ledde auf Blatt Hasbergen 3713 und paläontologische Aufnahmen der Tongruben des Stalaton - Werkes bei Velpe und der Tongrube Hannig bei Ledde.- unveröff. Dipl. – Arbeit der Westf. Wilhelms Universität Münster, 159 S.; Münster.

TRENCKNER, W. (1872): Die Juraschichten von Bramsche, Westerkappeln und Ibbenbüren.- Z. dt. Geol. Ges., 24: 558 – 588; Bonn.

TRENCKNER, W. (1881): Die geologischen Verhältnisse der Umgebung von Osnabrück.- Excursionsbuch für Geognosten; 81 S.; Osnabrück.

WETZEL, W. (1911): Faunistische und stratigraphische Untersuchungen der parkinsoni - schichten des Teutoburger Waldes bei Bielefeld.- Palaeontographica, 58: 139 – 278; Bonn.

WITTLER, F. A. (2001): Nachträge zu Palaega.- Arbeitskr. Paläont. Hannover 29 (1): 19 – 21; Hannover.

WITTLER, F.A. (2007): Ein Isopode im Mittelbajocium von Velpe bei Osnabrück.- Arbeitskr. Paläont. Hannover 25 (1): 15-22; Hannover

WITTLER, F. A. & MUTTERLOSE, J. (1996): Litho- und Biostratigraphie der Tongrube Spieker bei Lotte/ Osnabrück.- Geol. Pal. Westf., 45: 21 – 31; Münster.

WOODWARD, H. (1870): Contributions to British fossil Crustacea.- Geol. Magazine, 1st. Decade, 7: 493 – 497; London.