Mittlerer Jura (Dogger)

Eine Garantiana longidoides von der klassischen Fundstelle Burton Bradstock

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Die südenglische Grafschaft Dorset steht bei Fossiliensammlern aus Kontinentaleuropa seit Jahrzehnten als Exkursionssziel hoch im Kurs. Beliebt und bekannt sind vor allem die Lias-Fundstellen bei Lyme Regis und Charmouth. Das wenige Kilometer östlich dieser Aufschlüsse gelegene Burton Bradstock ergänzt die Sammelmöglichkeiten um mitteljurassische Schichten und gehört ebenfalls in den Kreis der klassischen Fundstellen der Paläontologie.

4,5 fossilreiche Profilmeter: Der Inferior Oolite
Oberhalb der noch in den Lias zu stellenden Bridport Sands - die zahlreiche Pleydellien enthalten - steht im Burton Cliff der sog. Inferior Oolite an. Er umfasst bei nur 4,5 Metern Schichtmächtigkeit das gesamte Aalenium und das Bajocium und endet erst mit dem Zigzag-Bed des frühen Bathoniums. Dank der Kondensation ist der Inferior Oolite überaus fossilreich. DIETZE (1988) gibt einen guten Überblick über die Schichtfolge und Fossilgehalt.

Warten auf Kliffabbrüche
Die Sammelmöglichkeiten für Fossilien aus dem Mittleren Jura des Burton Cliffs, das Teil der als Unesco Weltkulturerbe besonders geschützten Jurassic Coast ist, beschränken sich seit jeher auf die Suche in herabgefallenen Blöcken, die auch nach der Unterschutzstellung zulässig ist. Nur im Anstehenden darf nicht mehr gegraben werden. Das war aber ohnehin nicht möglich, denn der Inferior Oolite bildet, teils noch geringmächtig von jüngeren Schichten überlagert, den höchsten Bereich der Steilküste des Burton Cliffs, so dass man seit jeher auf Kliffstürze angewiesen war. Diese finden naturgemäß am ehesten in den rauheren Jahreszeiten statt. Es gibt aber auch Jahre, in denen überhaupt keine größeren Abbrüche stattfinden.

Besuch der Fundstelle im Frühjahr 2011
Bei meinem Besuch im Frühjahr 2011 war leider kein frischer Kliffsturz vorhanden, mutmaßlich war den ganzen Winter über nicht viel vom Kliff herabgefallen. Es fand sich insgesamt kaum viel versprechendes Material mit gröberen Oolithen, wie ich es aus dem Bajocium der nicht weit entfernten Normandie (z. B. vom Stratotypus des Bajociums bei Ste. Honorine des Pertes) kannte. Das dürfte schlicht daran gelegen haben, dass fleißige Sammler die beim letzten „cliff fall“ herabgestürzten Brocken schon ausdauernd zerkleinert hatten und die kärglichen Reste weitgehend vom Meer abtransportiert worden waren. Was noch recht reichlich zur Verfügung stand, waren hingegen von der Brandung geschliffene massive Blöcke mit Leioceraten. Allein die enthaltenen Fossilien zu bergen war mit dem mitgeführten leichten Werkzeug recht schwierig. Mit Spitzmeißel und 2-Kilogramm Fäustel ließ sich wenigstens ein gutes Dutzend Belegstücke von den Rändern der Blöcke „abknabbern“. Funde von zwei Seeigeln (u.a. Nucleolites) rundeten das Suchergebnis von zwei Stunden Burton Cliff ab. Ein eher unscheinbarer etwa handgroßer Brocken Oolithgestein aus dem ein Ammonitenrücken ragte, war dann doch noch zwischen den großen Blöcken zu entdecken. Da im Bereich wo der Ammonit aus dem Gestein ragte die Schale abgeplatzt war, landete das Stück nach der Rückkehr von der Exkursion mit äußerst niedriger Priorität im Rohmateriallager und geriet ersteinmal in Vergessenheit.


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Abb. 1: Blick vom Burton Cliff in Richtung Westen auf das East Cliff - vom diesigen Himmel fast verschluckt werden der Thorncombe Beacon und das Golden Cap im Hintergrund.

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Abb. 2: Versturzmaterial vor dem Burton Cliff. Leider sind kaum oolithische Brocken dabei, aber auch in den zum Toarcium gehörigen Bridport Sands sind Fossilien enthalten.

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Abb. 3: Dieser weitnabelige Ammonit (vielleicht ein Stephanoceras) wurde von der Brandung zu einem kleinen Kunstwerk modelliert.

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Abb. 4: Ein wenig Oolith gab es dann doch - und wie man sieht war er sogar sehr fossilreich. Vielleicht hätte ich die schöne Komposition aufschlagen sollen?

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Abb. 5: Der Medianschliff ist dem Meer geglückt - einziger Wermutstropfen: der Ammonit läuft nicht rein...

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Abb. 6: Viel Steine gab´s...

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Abb. 7: und darin reichlich Fossilien. Zwar klein, aber in schöner Kalziterhaltung.

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Abb. 8: Eine Möwe führte aus den Bridport Sands die Aufsicht über die Arbeiten.


Endlich Zeit zum Präparieren

Nachdem das Gros der Unterjura-Ammoniten vom Golden Cap, Black Ven und Stonebarrow präpariert war (ein ausführlicher Bericht über den Unteren Jura von Dorset folgt in Der Steinkern - Heft 8, das im Januar erscheint), fiel mir der besagte Oolithbrocken erstmals seit über einem halben Jahr wieder in die Hände. Beim Anpräparieren stellte sich erfreulicherweise heraus, dass der Ammonit vollständig in dem kleinen Geröll Platz gefunden hatte. Stellenweise war bei der Präparation eine gute Trennung des Gesteins vom Fossil gegeben, für den Venter und einige Partien der Innenwindungen galt das leider nicht. Insgesamt ist dennoch ein respektables Schaustück daraus geworden.

Bestimmung und stratigraphische Einordnung im Steinkern-Forum
Im Steinkern.de Forum stellte ich das Stück mit der Bitte um Bestimmungshilfe vor und es konnte dadurch inzwischen korrekt als Garantiana longidoides (GAUTHIER, TREVISAN & JORON, 2000) zugeordnet werden. Hierfür danke ich den Herren Paul Winkler, Klaus P. Weiss und Volker Dietze vielmals. Stratigraphisch stammt der bis zur Mündung erhaltene Makrokonch aus dem sog. Astarte Bed (Acris-Subzone, Parkinsoni-Zone), was ebenfalls durch Diskussionsbeiträge im Forum aufgeklärt wurde.


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Abb. 9: Garantiana longidoides (GAUTHIER, TREVISAN & JORON, 2000), Größe: 9 cm.

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Abb. 10: Ventrale Ansicht.

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Abb. 11: Hier lässt sich das zunehmende Zusammenfließen der Rippen studieren.

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Abb. 12: Studie der Rippengabelungen auf der Flanke.

Charakteristika des vorgestellten Fundes
Der vorgestellte Ammonit ist charakterisiert durch kräftige, auf der Flanke bifurkierende Rippen, die im Bifurkationspunkt einen Knoten bilden. Die bifurkierenden Rippen enden jeweils in einem Dorn auf dem Venter. Bis zum Durchmesser von etwa 8 cm ist eine Kielfurche vorhanden, dann schwächen sich die Dornen ab und die Berippung beginnt nach und nach immer stärker am Venter ineinander überzugehen, um diesen schließlich ohne Unterbrechung zu queren. Die Rippen fließen in einem weit gestreckten „V“ auf dem Rücken des Ammoniten zusammen. Im Bereich unmittelbar vor der Mündung ändert sich das Berippungsbild auch auf der Flanke signifikant. Die Rippen werden engständiger und die Hauptrippen laufen nun ohne Bifurkation über Flanke und Venter. Darüber hinaus gibt es vor der Mündung Schaltrippen, die erst etwa auf der Flankenmitte ansetzen und ebenfalls ohne Unterbrechung den Venter queren.
Genauere Beschreibungen (allerdings in französischer Sprache) und weitere Abbildungen von Garantiana longidoides (u. a. die des Holotyps) finden sich in bei (GAUTHIER, TREVISAN & JORON, 2000), deren Arbeit „L’espèce Odontolkites longidens (Quenstedt) in BUCKMAN (= longidoides n. sp.) et le genre Odontolkites BUCKMAN“ im Internet frei verfügbar ist.

Fotos & Sammlung
Sönke Simonsen



Literatur:

DIETZE, V. (1988): Der Mittlere Jura von Dorset/Südengland, in: Fossilien, Heft 2/88,  S. 68-74.

GAUTHIER, H., TREVISAN, M. & JORON, J.-L. (2000): L’espèce Odontolkites longidens (Quenstedt) in Buckman (= longidoides n. sp.) et le genre Odontolkites Buckman (Garantianinae, Stephanoceratidae, Stephanocerataceae, Ammonoidea), in: Géologie de la France, n°2, 2000, S. 17-29.