Bericht vom Meerdrachen (Victor von Scheffel, 1859)

Aus Anlass der Beschäftigung mit einem seit einiger Zeit in der bekannten Unterjura-Tongrube bei Buttenheim aufgeschlossenen Toarcium-Bonebed recherchierte ich unlängst für einen Artikel für das nächste Steinkernheft in historischer und aktueller Literatur über aus ebendiesen Schichten stammende Funde aus der Region. Es dauerte nicht lange, bis ich hierbei auch auf den Unnersdorfer Ichthyosaurierschädel stieß: Im Jahr 1842 wurde bei Bauarbeiten in Unnersdorf bei Bad Staffelstein ein 2,10 Meter großer Ichthyosaurierschädel nebst disartikuliertem Teilskelett gefunden. Der damals geborgene Schädel gilt bis in die heutige Zeit als größter Fischsaurierschädel Europas und kann in der historischen Petrefaktensammlung auf Kloster Banz besichtigt werden. Carl Theodori veröffentlichte 1854 eine "Beschreibung des kolossalen Ichthyosaurus trigonodon in der Lokal-Petrefakten-Sammlung zu Banz nebst synoptischer Darstellung der übrigen Ichthyosaurus-Arten in derselben. Mit Abbildungen in natürlicher Größe". In Theodoris Arbeit findet sich also u. a. eine riesige Falttafel, in welcher der 2,10 Meter Schädel in Originalgröße abgebildet ist:

 

Trigonodon aus Theodori klein

Zeichnung des 2,10 Meter großen Temnodontosaurus trigonodon aus Unnersdorf aus THEODORI 1854. Von Theodori als Ichthyosaurus trigonodon beschrieben, wird die Art trigonodon heute zur Gattung Temnodontosaurus gestellt. Ansicht vergrößern.

 

Der für die damalige Zeit (lange vor Holzmaden und Dotternhausen!) bedeutende und bis heute bemerkenswerte Fund aus Franken inspirierte den zeitgenössischen Schriftsteller und Dichter Victor von Scheffel zu seinem 1859 veröffentlichten "Bericht vom Meerdrachen", einer kurzweiligen, unter Ausschöpfung sämtlicher dichterischen Freiheiten zustande gekommenen Interpretation der Fundumstände mitsamt der sich daran anschließenden Beisetzung des "Meerdrachens" im Auftrag des Abts, weil es sich um "Teufels Blendwerk" handeln könne. Die wahre Fundgeschichte ist bei THEODORI 1854 nachzulesen - und bald auch im Steinkernheft. Da das Gedicht aufgrund der Länge im Heft nur auszugsweise wiedergegeben werden kann, möchte ich an dieser Stelle die vollständige Fassung wiedergeben. Die aktuellen Bezüge des Fundes aus der Staffelsteiner Gegend zum Buttenheimer Bonebed werden im kommenden Steinkernheft ausführlich erläutert werden. Doch lassen wir nun Victor von Scheffel zu Wort kommen - viel Spaß!

 

Victor von Scheffel

Joseph Victor von Scheffel, Zeichnung von A. von Werner, 1867

 

Bericht vom Meerdrachen

Victor von Scheffel, 1859

 

... et aquae praevaluerunt nimis
super terram: opertique sunt omnes
montes excelsi sub universo
coelo. Quindecim cubitis altior fuit
aqua super montes, quos operuerat.

Genes. VII, 19.

 

Solches spricht von Banth der Mönch Nicodemus:
Vieles kündet von Drachen uns die Sage,
Wie sie in der Berge Steinkluft hausten,
Grauenhaft Gewürm im Schuppenpanzer,
Aller Kreatur ein' Schreck... und wie sie mordfroh
In der Menschen Flur und Triften schnaubten,
Hirt wie Herde sich zum Fraß ersehend,
Daß die Spur genagter Knochen weitum
Warnend hinwies nach des Scheusals Twingburg.

Gehrst du doch, solch Untier zu erreiten
Und im Ritterkampf zu Gottes Ehre
Deines Armes Kraft an ihm zu proben,
Sagt man: Freund, so steht's in alten Mären,
Unsereins hat keinen mehr erlebt.
Aber ich, von Banth der Mönch Nicodemus,
Hab' erschaut mit meinen eignen Augen
Einen Drachen, der im Fels versteint lag,
Hab' befühlt mit meinen eignen Händen
Seines Rachens Zähne, den Riesenschädel,
Seine Wirbelknochen, seine Rippen.
höret denn, wie jenes einst sich zutrug:

Stieg zu Tale von dem waldigen Banthberg,
Wo der Abhang nach dem Main sich senket
Und gen Unnersdorf .. man heißt die Gegend
Märzensee, doch liegt das meiste trocken,
Klosterleute brachen dort der Straße
Durchbruch durch den bläulich grauen Schiefer,
Und ich dachte eine schöne Platte
Zu gewinnen, die zum Steintisch taugte
Unserm Waldplatz, den die Brüder nennen
Arboretum Recreationis,
Denn wir pflegen dort im Buchenschatten,
An dem Steintisch auf der Steinbank sitzend,
Gern den Geist in heilige Schrift zu senken
Oder auf der waldumhegten Schießstatt
Nach dem fernen Scheibenziel zu schießen,
Bogenspannend und mit wuchtigem Gerwurf.

Und ein jeder liebt das kühle Oertlein,
Also wählt' ich drunten am Gesteine
Eine schief gesenkte dunkle Schichtung,
Deren alte Sprüng' und Risse wiesen,
Wie sie leicht in Platten abzulösen,
Und den Hauern winkt ich: »Diese sprengt mir!«
Jene auch mit guten Hebestangen,
Eisenkeilen und dem andern Hauzeug
Gingen wacker an ihr Steinbrechtagwerk,
Da sprach einer, dem die Stirn von Schweiß troff:
»Sonderbar. Wir stoßen auf Unebnes
Gegen dieser Felsenart Gewohnheit;
Etwas Fremdes nistet im Gesteine.«
Doch sie rammten unverdrossen weiter,
Bis die ganze Oberfläche lück war.
Mit des Kreuzes Zeichen sie besegnend
»Auf! dem heiligen Dionys zu Ehren,
Lins, zwei drei – und losgelassen!« rief ich,
Und die Platte sank ...
o dreimal Wunder!

Nie vergess' ich jenes wilden Anblicks:
Vom Geschiefer, das da kam zum Vorschein,
Rings umschlossen, halb darin erhaben,
Zeigte sich ein ungeheures Steinhaupt,
Wer da grub, entwich mit lautem Aufschrei,
Und ich schlug das Kreuz und sprach von ferne
Einen lauten starken Exorcismus,
Der des Orts Dämonen, bösen Erdgeist
Und was sonst von teufelischer Abkunft
In der Tiefe lauert, bannen sollte.

Dann erst wagten wir hinanzutreten
Und beschauten scheu vorsichtig tastend,
Uns des Schädels nie erschaute Bildung,
Nicht vermocht' ich, meine Arme breitend,
Ihn nach beiden Enden zu bespannen,
Und ein Rachen gähnte uns entgegen
Riesenlang, doch mäßig in der Breite,
Spitz zu ging er, wie ein Rabenschnabel
Leis hinabgekrümmnt am obern Kiefer,
Wohlbewehrt in blanken Zähnen starrt' er,
Ueber fünfzig zählt ich nach der Länge,
Spitz und schneidig, Fleisch wie Bein zu malmen,
Spurlos mocht' ein wohlgewachsner Jüngling
Drin verschwinden, so er ihn erschnappte.

Nah' am Rachen kündete ein großes
Kreisrund Loch, daß hier des Auges Platz war,
Und zwei Spalten wiesen Nasenlöcher,
Draus er Wasser springbrunnartig sprudeln
Oder Feuerodem blasen mochte.

Dieses all war nicht der Sinne Täuschung;
Denn trotz der Versteinung sahn wir deutlich
Noch der Knochen Mark und Faserlinie,
Selbst den Schmelz der Zähne .. und ein Forstwart
holt' ein altes Schwert und schabte wacker,
Daß die Form der Schieferhülle frei ward.

Aller Männer Neugier ward nun rege,
Weiter zu erspähn, wie's mit dem Leibe
Dieses Riesenungetüms beschaffen.
Und in ungestümer Steinbrecharbeit,
Doch mit Vorsicht lösend, nicht zertrümmernd.
Sprengten wir die ganze Felsendecke,
Sieh! da kamen als des Hauptes Fortsatz
Ungeheure Rückenwirbelknochen,
Erst zusammenhängend, wohlgefügt noch,
Dann zerstreut, dahin, dorthin verschleudert.
Gleich als ob das Tier, nachdem's verendet.
Von der Sintflut, die es hier begraben,
Lang erst hin und her geschwemmet worden.
Rund war ihre Form, schier wie die Steine
In dem Brettspiel, aber zehnfach mächt'ger.
Schlank und lang, gleich Reifen eines Fasses,
Reihten dran sich mächtige Seitenrippen,
Aber statt des Fußes sahn wir deutlich
Spuren einer schuppenstarken Flosse,
Aehnlich einer Sohle, die mit schweren
Nagelköpfen um und um beschlagen.

Da sprach ich, von Banth der Mönch Nicodemus:
»Lobet Gott, denn groß sind seine Werke,«
Und ich ging, dem Abte es zu melden.

Doch zur Nachtzeit, als der Mond mit vollem
Glanze aufging ob dem Staffelberge
Und die Sterne in dem Main erblitzten,
Trieb mich's wieder hin zu dem Gebilde,
Gleich wie einer, der die Totenwacht hält,
Saß ich bei den ausgegrabnen Knochen,
Einen Blick in graue Schöpfungsdämm'rung
Tat ich und andächtigen Sinnes dacht' ich:

»Sei gelobt, Herr Himmels und der Erde,
Der du solchen Zeichens mich gewürdigt,
Zeichens von der Erdenstoffe Wandlung.

Dieser also, dessen steinern Haupt ich
hier berühre, war ein grimmer Meerdrach,
Ein Serpant von zehen Männer Länge,
Des Geschlechts vielleicht wie der, den Perseus
Mit dem Schild Medusa einst versteint hat.
Glich vielleicht im großen der Aegypter
Krokodiltier, das der Nilstrom heget,
Doppellebig, land- wie wassertüchtig.
Tiefer Boden, draus ich atmend wandle
Und emporschau' zu des Mondes Kugel,
War der Grund einst einer tiefen Meerbucht,
Diese Höhe, dieser Wald, das Kornfeld,
Drauf itzt friedlich Pflug und Pflüger schreiten,
Wurde einst von solcher Brut beschwommen,
Und der Berg, wo aus der Brüder Zellen
Da und dort einsam das Licht noch schimmert
Und auf hohem Klosterturm das Kreuz ragt,
Ward von Gott gerichtet und geschichtet
Als ein Drachenhünengrab der Urzeit!

So geht alles Irdische den Kreislauf
Und beständig ist allein der Wechsel:
Meer wird Fels und Fels wird Erde, Erde
Nährt als Ackerkrume Baum und Pflanze,
Pflanzenfeuchte wird von Luft gesauget,
Luft wird Wolke, Wolke Regentropfen,
Regentropfen strömt im Fluß zum Meere,
Und so ist, was flüssig erst, dann fest war,
Wieder flüssig nach Jahrtausenden,
Und die Woge rauscht im Ozean,
Der, wie einst der alte seine Drachen,
Itzt des Menschen buntbewimpelt Schiff trägt,
Bis auch er einst abläuft und die Menschheit
Ueberflutend einsargt in den Erdschoß,
Daß den Platz sie räume einer bessern,
Einer gottdurchgeisteteren Gattung.
Denn ob aller Meergewässer Brausen,
Ueber allem, was da ist und sein wird,
Ueber allem schwebt der Geist des Herren,
Laus et gloria in excelsis Deo!«

Also dacht's von Banth der Mönch Nicodemus,
Linde Mondnacht wehte um das Haupt mir,
Freundlich winkte der Planeten Funkeln,
Andern Tages zog mit allen Brüdern
Unser Abt hinaus und sprengte dreimal
Mit geweihtem Wasser das Gestein an,
Dann gebot er uns, mit Karst und Spaten
Eine tiefe Grube aufzuwerfen,
»Senket,« sprach er, »alles, Haupt wie Knochen,
In die Tiefe. Was uns Gott verborgen,
Soll der Neugier Hand zu Tag nicht rühren,
In der Schrift steht: Laßt die Toten ruhn!
Eine Waldkapelle will ich bauen
Hier zu Ehren unserm ritterlichen
Heiligen Georg, dem Lindwurmtöter:
Was ihr fandet, soll das Fundament sein,
Aber schweigt und wahret's als Geheimnis!
Groß ist Gott in seiner Wunderschöpfung,
Aber groß ist auch des Teufels Blendwerk,
Und man weiß nicht, wessen diese Reste.
Gott allein löst aller Dinge Rätsel,
Eitel unnütz Reden stammt vom Teufel.«

Wie der Abt es fügte, so geschah es.
»Amen!« spricht der Mönch von Banth Nicodemus,
Gloria in excelsis Deo, Amen!«

 


 

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