Paläontologie trifft Politik - Erste Reaktionen aus Politik und Medien auf unseren Offenen Brief

Liebe Leserinnen und Leser,

 

im August und September dieses Jahres unterzeichneten 1041 Paläontologen, Amateurpaläontologen und Fossilieninteressierte unseren Offenen Brief mit dem Titel "Vorschlag zur Novellierung der paläontologischen Denkmalschutzgesetzgebung in Nordrhein-Westfalen". Ein in dieser Größenordnung ungeahnter Erfolg, der aufzeigte, wie dringend die bestehenden Probleme behoben werden müssen, um weiteren Schaden von unserem paläontologischen Erbe abzuwenden. Zwischenzeitlich haben sich einige Reaktionen aus der Politik ergeben und ich möchte Sie auf zwei interessante, online nachlesbare Artikel hinweisen.

 

Erste Reaktionen aus der Politik

Kurz nach dem Ende der Mitzeichnungsaktion wurde der Offene Brief mit der Liste der Unterzeichner/innen im September der Landes- und Bundespolitik übergeben.

Dies führte inzwischen u. a. zu einer Rückmeldung durch die Kultusministerkonferenz, deren Sekretariat am 27. Oktober 2020 ankündigte die "Fragen und Anregungen in der für den fachlichen Austausch zwischen den Ländern zuständigen AG der Denkmalpflegereferentinnen und -referenten unter Betrachtung der verschiedenen rechtlichen, fachlichen und wissenschaftlichen Aspekte [zu] diskutieren."

Am 28. Oktober erhielt ich ferner ein Schreiben aus dem Bundesministerium für Bildung und Forschung, in dem Frau Ministerin Karliczek zwar (verständlicherweise) zuständigkeitshalber an das Ministerium für Wirtschaft und Energie (Bergrecht) verwies, aber betonte, dass ihr Ministerium die wissenschaftliche paläontologische Forschung unterstütze. Als Beispiel dafür nannte sie das Projekt "Öffnen von Wissenschaft: Neue Wege des Wissenstransfers am Beispiel des Forschungsprojekts "Bromacker". Hierbei würden innovative und interdisziplinäre Kommunikationsansätze erprobt, um paläontologische Forschung ganzheitlich fürdie interessierte Öffentlichkeit sichtbar und erfahrbar zu machen. So werde in unterschiedlichen Zielgruppen Neugier und Interesse für die Paläontologie geweckt und der Dialog über die Forschung gefördert. Ein gutes Pilotprojekt, aber in der Breite sollte natürlich noch viel mehr getan werden!

Weitere Schreiben von Mitte September – darunter auch jenes an die in Nordrhein-Westfalen für den Denkmalschutz zuständige Ministerin für Heimat, Kommunales, Bau und Gleichstellung des Landes Nordrhein-Westfalen, Ina Scharrenbach – blieben bislang noch unbeantwortet. Ich bin jedoch guter Hoffnung, dass sich auch dies noch ändern wird und hoffe sehr, dass man bereits daran arbeitet, unsere Wünsche zu realisieren.

Mit Landtagsabgeordneten aus dem zuständigen Ausschuss kam es zu Gesprächen bzw. wird es im November noch zu Gesprächen kommen.

 

Ausbleibendes Medienecho  eine Enttäuschung

Obwohl wir unsere Pressemeldung "Offener Brief an die Politik: über 1000 Fossilienforscher fordern eine Reformation der Paläontologie-Gesetzgebung in Deutschland" vom 21. September 2020 per E-Mail an rund 150 Zeitungsredaktionen sendeten und einige persönliche Kontakte ansprachen, hat dies trotz der Dimension und Relevanz unseres Aufrufs nach meinem Kenntnisstand zu keinem einzigen Zeitungsartikel geführt. Allein die VFMG druckte die Meldung in der Printbeilage "VFMG aktuell" ab (und online auf der VFMG-Website).

Warum wurden die Redaktionen nicht tätig, nachdem am 29. August 2020 DER SPIEGEL noch während der laufenden Aktion berichtet hatte? Ich weiß es nicht und kann nur spekulieren. Mangelnde Relevanz des Themas ist ganz sicherlich nicht der Grund gewesen. Zu schlechte Verknüpfung der Paläontologen und Amateurpaläontologen mit den Medien (und der dpa) ist wohl ein Punkt. Zudem erscheint das Thema "Fossilien und Recht" für Laien auf den ersten Blick komplex und dröge zu sein. Ein weiterer Grund für eine Nichtberücksichtigung in der jetzigen Situation dürfte die aktuelle Fokussierung auf das Coronavirus sein. Zeitungen werden teilweise auf die Hälfte ihres sonstigen Umfangs reduziert geliefert (u. a. wegen des durch die Pandemie bedingten Kahlschlags hinsichtlich Kultur- und Sportveranstaltungen) und beim verbleibenden Rest ist Corona das beherrschende Thema. Ich möchte mich nicht am Medien-Bashing beteiligen, allerdings wirft die Ausblendung unserer für die Paläontologie-Petition in der medialen Wahrnehmung schon ein empfindliches Schlaglicht darauf, dass derzeit viele durchaus wichtige Themen unter den Tisch fallen und zeigt auch auf schmerzliche Weise auf, dass es allgemein noch kein ausgeprägtes Bewusstsein für die Bedeutung unserer Wissenschaftsdisziplin gibt. Die Paläontologie hat keine Lobby. Die meisten Menschen kennen ja nicht nicht einmal den Unterschied zwischen Archäologie und Paläontologie – und dieser Umstand betrifft selbst ein ansonsten gebildetes Publikum. Die Medien berichten gern über Saurier-Funde, haben eshier aber versäumt als "vierte Gewalt" daran mitzuwirken, die Rahmenbedingungen für derartige Funde in der Zukunft zu schaffen beziehungsweise wiederherzustellen. Fast, denn ein Medium hat sich dann doch beteiligt und eine Plattform geboten:

 

Eigener Artikel "Fossilien und Recht" in "Politik & Kultur" erschienen

Wenn sich sonst keiner des Themas annimmt, was bleibt? Selbst schreiben! Ich erhielt freundlicherweise von Olaf Zimmermann, Herausgeber von "Politik & Kultur", der Zeitschrift des Deutschen Kulturrats eine Einladung dies in seiner Zeitschrift zu tun. Diese stellt aufgrund ihrer Leserschaft, ihres Themenzuschnitts und der Onlineverfügbarkeit eine geeignete Plattform für das Thema dar. Den daraus resultierenden Artikel "Fossilien und Recht" finden Sie hier in einer Online-Version vom 29. Oktober 2020:

Fossilien und Recht: Warum unser paläontologisches Naturerbe bedroht ist und wie wir es retten können (Onlineversion)

und hier auf S. 11 in einer PDF-Version, die auch in gedruckter Form erschien:

Fossilien und Recht: Warum unser paläontologisches Naturerbe bedroht ist und wie wir es retten können (Druckversion)

 

Paläontologen-Richtungsstreit: Deutungshoheit über die Rolle der Amateurpaläontologie

Im Jahr 2020 wurde übrigens international unter Paläontologen u. a. um die Deutungshoheit über die Rolle der Amateurpaläontologen in der Paläontologie gestritten. Es ging dabei im Kern auch um die Frage nach der öffentlichen Hinterlegung von Material, das in wissenschaftlichen Arbeiten abgebildet wird. Einige von Ihnen haben das verfolgt, anderen wird es dagegen unbekannt sein, weswegen ich es nicht unerwähnt lassen möchte, da der Meinungsstreit durchaus bemerkenswert ist. Die Society of Vertebrate Paleontology (SVP) hatte am 21. April 2020 einen Brief an über 300 Redaktionen paläontologischer Journals in Umlauf gebracht, der von ihrem Präsidenten, Vizepräsidenten und einem früheren Präsidenten unterzeichnet worden war. Dieser Brief rückte das wissenschaftliche Arbeiten mit Privatsammlungsmaterial gar in die Nähe "unethischen Verhaltens" (sic!). Das in meinen Augen beschämende Schriftstück der amerikanischen Paläontologen war eine regelrechte Ohrfeige für alle wahren Freunde der Paläontologie, nicht nur für Amateurpaläontologen.

Schon lange bevor im Steinkern-Forum mit berechtigter Entrüstung darüber diskutiert wurde (https://forum.steinkern.de/viewtopic.php?f=9&t=30331) arbeitete eine Gruppe renommierter internationaler Forscher auf dem Gebiet der Paläontologie (HAUG et al. 2020) bereits an ihrem "Comment on the letter of the Society of Vertebrate Paleontology (SVP) dated April 21, 2020 regarding “Fossils from conflict zones and reproducibility of fossil based scientific data”: the importance of private collections". Der hervorragende englischsprachige Artikel erschien am 8. August 2020 und rückt die Rolle der Amateurpaläontologie ins rechte Licht, er liefert einige Aspekte und Argumente, die ich beim Erarbeiten meines Novellierungsvorschlags im Winter 2019/2020 noch gar nicht bedacht hatte – herzlichen Dank dafür!

Die Lektüre dieses Artikels ist unbedingt zu empfehlen. Sie ist Balsam auf die mitunter leider arg geschundene Seele der Amateurpaläontologen, die weltweit, oft unter immer widriger werdenden Umständen für die Paläontologie "die Kohlen aus dem Feuer" holen und dafür in der heutigen Zeit längst nicht immer die Anerkennung erhalten, die sie verdienen. Stattdessen droht ihnen selbst in einigen deutschen Bundesländern behördliche Verfolgung für Tätigkeiten, für die man vor wenigen Jahrzehnten noch das Bundesverdienstkreuz erhielt. Quo vadis Paläontologie? Wir stehen am Scheideweg!

Die Antwort auf die Frage, welcher Weg beschritten werden wird, hängt vor allem auch von uns selbst und unserer individuellen Bereitschaft ab, uns für die Interessen der Paläontologie zu engagieren. Nichtstun wird nur zu weiteren Restriktionen führen, getragen von Entscheidern ohne paläontologische Kenntnisse, so wie man es aus der Vergangenheit kennt. Deswegen haben Paläontologen und Amateurpaläontologen mit dem Offenen Brief im August und September gemeinsam ein Zeichen gesetzt und die Unterstützung der Politik erbeten, um eine Kehrtwende einzuleiten. Die Arbeitsbedingungen für Paläontologen und Amateurpaläontologen müssen dringend nicht nur auf eine neue, sondern auf eine deutlich verbesserte Grundlage gestellt werden. Ich hoffe, dass wir mit unserem Aufruf letztlich ein ausreichendes Maß an Aufmerksamkeit für das Thema erzielen konnten und noch weiterhin können werden, sodass die gebündelte Energie nicht verpufft, sondern von der Politik auch tatsächlich zu guten und der Paläontologie förderlichen Entscheidungen umgewandelt wird. Es wäre im Sinne dieser Wissenschaft und es würde nicht Partikularinteressen, sondern der gesamten Gesellschaft dienen.

 

Leserinnen und Leser aus Nordrhein Westfalen können mitmachen und ihre Landtagsabgeordnete sensibilisieren

Ihre Unterstützung bei der Kommunikation unseres Anliegens ist und bleibt wichtig. Speziell die Leserinnen und Leser aus Nordrhein-Westfalen sind hiermit dazu aufgerufen, ihre Landtagsabgeordneten per Post oder E-Mail zu kontaktieren und für das Thema zu sensibilisieren, damit sich noch in dieser Legislaturperiode in Nordrhein-Westfalen etwas zum Guten verändert. Schicken Sie z. B. den Artikel "Fossilien und Recht" im Anhang mit, verweisen sie auf den Offenen Brief und bitten sie um Berücksichtigung im Rahmen der gerade laufenden Novellierung der Denkmalschutzgesetzgebung in Nordrhein-Westfalen.

 

Wir sollten die historische Chance nicht verpassen, die sich uns auf Basis unserer gelungenen Gemeinschaftsaktion mit dem Offenen Brief derzeit bietet – trotz Corona! Vielleicht auch gerade, um in der Corona-Zeit auch etwas Positives zu erreichen, das zukunftsträchtig ist und sich nicht nur als Schadendsbegrenzung begreift.

Ich werde jedenfalls weiterhin am Ball bleiben und sage herzlich danke für Ihre/Eure großartige Unterstützung!

 

Stay negative, but keep thinking positive! 

 

Sönke Simonsen, Bielefeld, 4. November 2020

 


 

Diskussion zum Thema und den aktuellen Entwicklungen im Steinkern.de Forum:

https://forum.steinkern.de/viewtopic.php?f=3&p=281833