Rezension: Fossiles du Maroc / Fossiles du Maroc / Fossils from Morocco von Patrice Lebrun

Fossiles du Maroc: Tome IIa. Gisements emblématiques du Mésozoique et du Paléogène

Fossils from Morocco: Volume IIa. Emblematic localities from the Mesozoic and the Palaeogene

 

Der Titel lässt sich folgendermaßen übersetzen: „Fossilien aus Marokko, Band IIa: Emblematische Fundstellen des Mesozoikums und des Paläogens“. Emblematisch heißt soviel wie „bedeutende“ oder „maßgebliche“ Fundstellen).

 

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Abb. 1: Cover des Buchs.

 

Rezension (besser eigentlich: Buchempfehlung)

Es ist da!!!

Es war angekündigt für diesen Sommer und erschien pünktlich – das war schon einmal ein guter Start. Irgendwie aber dann doch nicht, denn schließlich soll das Buch ja Lust auf mehr machen, auf eine Reise in das Land, aufs Exkursionen planen, Graben und Sammeln. Aufgrund von Corona bleibt zunächst nur das reine Lesen, was aber bei diesem Buch eine angenehme Beschäftigung ist.
Doch eins nach dem anderen. Nach dem enormen Werk über das Paläozoikum mit einer immensen Fülle an Trilobiten, Echinodermen, Panzerfischen, spektakulären Fundstellen und sehr guten und detaillierten Fundstellenbeschreibungen wartete ich ein wenig ungeduldig auf den ersten Teil des II. Bands. Band I behandelte das Kambrium, das Devon und das Karbon Marokkos und hat mich überzeugt. Ich habe viel gelernt über marokkanische Trilobiten (Wurden die aus dem Gestein herausgebeamt? Wie kann man so grandios präparieren?), über das harte Brot an die unwegsamen Fundstellen zu gelangen und über den immensen Umfang dessen, was Marokko an fossilen Schönheiten zu bieten hat.
Für mich als Kreidejunkie war es wunderbar diesen Band zu lesen und die Abbildungen zu bewundern, aber dennoch „nur“ ein tolles Buch ohne „Bibel-Potenzial“. Dies sollte anders werden beim II. Band, der sich mit Jura, Kreide und „Tertiär“ (wer die neue Gliederung Paläogen-Neogen bevorzugt, möge die Verwendung der alten Bezeichnung verzeihen) des wunderbaren Landes Marokko beschäftigt und der natürlich alle Sehnsüchte befriedigen soll, von denen es doch einige gibt. Warum? Meine Frau und ich waren noch nicht oft in Marokko, die Ausflüge ins Mesozoikum waren bislang marginal. Mit einem Guide haben wir hauptsächlich das Devon erkundet und waren auch ein wenig im Ordovizium unterwegs. Die Tour in die für uns spannenden Ecken (Saurier sammeln…) fiel leider buchstäblich ins Wasser. Es regnete zum ersten Mal seit Monaten, ausgerechnet an dem Abend vor unserer Fahrt. Deswegen war unsere Erwartung an das Buch hoch, im Hinblick darauf, den nächsten Trip vielleicht mithilfe des neuen Buches planen zu können. Wann dieser stattfinden kann, tja. Ein kleines Virus lässt den Zeitpunkt unklar werden, aber das ist eine andere Geschichte.


Also: Karton auf, Folie anreißen, anfassen. Erster Eindruck: GUT. Suchtpotenzial! Schönes Frontcover, eine der großen freipräparierten Schildkröten blickt aus dem Bild, darüber ein schöner Ammonit der Gattung Fagesia und ein lehrbuchhafter regulärer Seeigel der Gattung Reboulicidaris. Über allem schwebt ein Landschaftspanorama, besser gesagt ein mit Sicherheit fundträchtiger Berg mit Landschaftspanorama im Hintergrund. Das ganze auf Hardcover mit guter Haptik und satter Farbe. Jetzt gilt es sich erst einmal einen guten Platz zum Lesen zu suchen – dann Folie runter, Aufblättern und los geht’s. Das Buch sieht nicht nur gut aus, es ist auch ein Schwergewicht. Breiter als DIN A4, über 300 Seiten, Gewicht geschätzt 3 Kilo. Es ist daher besser im Liegen zu lesen als es ein paar Stunden in die Höhe zu halten.


Die Einführung ist etwas schwierig zu verstehen. Eigentlich ist es ein guter und umfassender Einblick in die Paläogeografie, die Historie Marokkos mit der Position der Landmassen und gewährt Einblicke in Klima und Lebewelt. Leider ist dieser Abschnitt „dekoriert“ mit hervorragenden Fossilien, die nicht aus Marokko stammen. Den Bezug findet man nicht immer im Text, aber wenn man ihn gefunden hat, passt´s schon. Wobei das Land doch auch gerade aus Trias bis Kreide selbst genug tolle Funde bereithält. Schön sind die schon in diesem Teil zahlreichen Beschreibungen und Nennungen diverser Gelehrter, die sich um die paläontologische Erforschung Marokkos verdient gemacht haben noch bevor der große Run losging.


Das Buch geht chronologisch vor. Triassische Fossilien und Fundstellen bilden den Anfang und sind – wie erwartet – noch etwas unterrepräsentiert. Im Grunde spiegelt das Buch das wider, was man auf Börsen und im Internet sieht. Die marokkanische Trias ist – so tolle Funde auch gemacht werden können – noch nicht im Fokus des Interesses angelangt. Dabei hat Marokko hier viel zu bieten, etwa Cephalopoden, Fische, Amphibien, Fährten und Pflanzen. Alles in bester Erhaltung und einer Qualität, die z.T. ihresgleichen sucht auf der Welt. Ich denke, irgendwann ist alles andere um die triassischen Sedimente herum abgegraben und lässt sich nicht mehr in Geld vertauschen. Dann wird hier sicher verstärkt gesucht und gegraben, was reichlich Material für einen eigenen (wenn auch etwas dünneren) Band liefern könnte.

 

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Abb. 2: Eine Beispielsseite Trias.


Was man allerdings in diesem Kapitel sieht, kennen eigentlich fast nur die eingefleischten Marokko-Kenner. Wer hat schon Trittsiegel aus Marokko gesehen, oder Dachschädlerlurche? Letztere vielleicht einmal in St. Marie oder Tucson, eventuell auch in München. Meist waren diese Fossilien aber gefühlt bis zur Hälfte verdeckt vom Schild mit dem immensen Preis. ;-)


Anders sieht es aus, blättert man ein paar Seiten weiter. Hier kommt langsam der Wiedererkennungseffekt. Jura! Beginnend mit Sedimenten und Fossilien aus dem mittleren und oberen Unterjura durchwandert man die gesamte Jurazeit und sieht viele sehr gut präparierte Fossilien (meist Ammoniten), Fundstellen und Geschichten. Ein erster persönlicher Erfolg stellt sich ein: Einige unserer eigenen jurassischen Ammoniten aus Marokko kann ich nun bestimmen, was mich sehr gefreut hat.

 

 

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Abb. 3: Jura (hier Unterer Jura, Toarcium).

 


Sehr schöne Profilbeschreibungen, dekoriert mit den passenden Leitammoniten, machen es „einfach“, anhand des Buches selbst vor Ort auf die Jagd zu gehen. Ein paar Profilfotos (leider etwas klein) ergänzen die Beschreibungen. Blättert man weiter, wird es bunt. Seitenweise Ammoniten, Seeigel und anderes geben einen guten Überblick über i.d.R. erreichbares Material der Unterjura-Ablagerungen. Ab Seite 78 kommen auch langsam die Wirbeltier-Enthusiasten auf ihre Kosten. Ein Blick in die eine oder andere Saurierfundstelle, Knochen über Knochen, Trittsiegel und auf Seite 81 unten rechts „der letzte überlebende Saurier“ (Serge in bester Form :-D ) in klassischer Position.


Auf Seite 95 endet der Abschnitt über den Jura recht plötzlich, wie ich finde. Irgendwie war mein Empfinden, dass da noch etwas folgen müsse. Nach einer etwas langatmig erscheinenden Einführung in die Kreide geht es zu den entrollten Cephalopoden der Unterkreide von Imsouane, die sicher jeder kennt und von denen man meist annimmt, dass sie „gebastelt“ sind. Was auch oft stimmt, aber nicht immer. Die Gesteine liefern hervorragende heteromorphe Ammoniten, bestachelt und unbestachelt. Nicht jeder bestachelte Ammonit auf einer Börse ist „Kunst“, in Marokko versteht man mitlerweile auch das Handwerk der exzellenten Präparation!


Ab S. 132 wird ein wenig mein Sammlerherz berührt, es gibt Unterkreide-Seesterne anzuschauen. Lange nicht gesehen, wunderbar. Es folgen weitere Echinodermen und auch ein paar sehr schöne Tabellen zur Einordnung eigener Funde aus dem Gelände oder eben vom Ausstellertisch auf Messen.

 

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Abb. 4: Kreide (Unterkreide, Barremium).

 

S. 146 ff.: Kem Kem! Ein mittlerweile magischer Name. Eigentlich „DIE“ Saurierfundstelle (besser Region) überhaupt, mit einer im Buch sehr gut wiedergegebenen spektakulären Fauna. Es wird „Wahnsinns-Material“ abgebildet, untermalt durch ein paar Impressionen des nicht immer ungefährlichen Abbaus. Endlich sieht man auch einmal einige Fotos von Plattenkalkfischen aus Gara Sbaa, von denen in den letzten Jahren einige den Weg auf Börsen fanden. Meist sind es nur kleine Fischchen und ab und an mal ein hübscher Rhynchodercide. Doch wenn ich das Börsenmaterial mit einigen Buchseiten vergleiche, weiß ich bereits wohin die nächste Tour gehen wird.


Weiter geht’s ins Turonium mit seinen wunderbaren, oft in Konkretionen erhaltenen Ammoniten, an denen man auf den Börsen oft achtlos vorüberzieht – was sie nicht verdient haben.

 

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Abb. 5: Oberkreide: einige Ammoniten des Turonium: Leckerlis, pure Ästhetik!

 


Auch Goulmima darf nicht fehlen mit seiner Fischfauna, die an die brasilianischen Vorkommen erinnert. Auch in Marokko haben wir Kugelzahnfische, „Cladocyclus“, „Rhacolepis“. Nur, dass wir hier etwa 30 Millionen Jahre jünger unterwegs sind, was erst vor gar nicht so langer Zeit genau datiert wurde. Spannend sind langhalsige Schwimmsaurier, die offenbar gar nicht so selten in den immens harten Konkretionen zu finden sind. In der höheren Oberkreide darf natürlich nicht der Blick auf die sonstige fantastische Wirbeltierfauna fehlen: Krokodile, Mosasaurier und Haifische en masse!


Die Seiten über das „Tertiär“ (vermischt mit Maastrichtium, der jüngsten Stufe der Oberkreide) haben mir sehr viel Neues gebracht. Die klassischen Wirbeltiere waren mir bekannt, aber die Invertebraten kannte ich nicht. Wie durchgängig im gesamten Buch wird der Text begleitet durch hervorragende Fotos, meist in gut getroffener Farbe. Nur ab und an verirrte sich ein Rotstich im Bild, der aber nicht stark ins Gewicht fällt. Ein wenig wird in diesem Kapitel zwischen Eozän und Maastricht gesprungen, was jedoch in der Natur der Phosphat-Ablagerungen liegt, die über einen längeren Zeitraum gebildet wurden. Sehr schön sind auch die seltenen Säuger auf Seite S. 285 ff., die nicht gerade zu den häufigen Funden zählen.

 

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Abb. 6: Fossilien aus den Phosphatlagerstätten des Maastrichtiums (Oberkreide), spektakuläre marine Reptilien!


Jedes Kapitel wird abgeschlossen von einem mehrseitigen Literaturverzeichnis. Das Buch ist fast durchgängig farbig und hervorragend illustriert, der Text meist sehr gut verständlich. Das Französisch ist etwas klarer als die englische Übersetzung, aber auch die passt soweit.


Tja, so könnte es noch lange weitergehen mit dem Besprechen des Buches. Besser aber ist Folgendes: lest es selbst! Der Preis ist moderat (direkt beim Verlag 55 Euro plus Versand, es lohnt sich eventuell eine Sammelbestellung nach Deutschland). Es ist aus meiner Sicht eine absolut empfehlenswerte Anschaffung, die jeden Euro wert ist. Die Mängel sind gering, die Illustration ist sehr gut. Einiges ist etwas dicht gedrängt, der Text stellenweise klein. Aber Marokko ist groß und voller Fossilien. Ich hätte noch auf die Fundstellen eingehen können, die im Buch beschrieben sind, die vielen kleinen Geschichten und Anekdoten, möchte aber an dieser Stelle auch nicht zuviel vorwegnehmen...

 

Rezension: Frank Raquet für Steinkern.de

 

 

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Patrice Lebrun:

Fossiles du Maroc. Tome II: Gisements emblématiques du Mésozoique et du Paléogène

Fossils from Morocco: Volume IIa. Emblematic localities from the Mesozoic and the Palaeogene

 

Les Editions du Piat. Knapp 300 Seiten, fast 1000 Fotos und Abbildungen.

ISBN 9782917198469.

Für 55 Euro plus Porto (nach DE sind es aktuell 13 Euro) für die Standard-Ausgabe oder 500 Euro (kein Scherz…) für die Premiumversion zu beziehen auf der Website www.minerauxetfossiles.com


Direkt zum Buch geht es über diesen Link:

https://www.minerauxetfossiles.com/produit/fossiles-du-maroc-volume-2a-gisements-emblematiques-du-mesozoique-et-du-cenozoique-patrice-lebrun/

 

 

Die Abbildung des Covers und der Auszüge aus dem Buch erfolgten mit freundlicher Erlaubnis von Patrice Lebrun.

 

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