Gegen Corona: Alltagsmasken mit Fossil-Motiv selbst nähen

Seit März beherrscht die Corona-Krise unseren Alltag. In Deutschland gibt es derzeit mehr als 150.000 bestätigte Fälle, über 5500 Erkrankte sind verstorben (Stand 24. April 2020). Weltweit sieht es noch sehr viel dramatischer aus, von 2,7 Millionen Infizierten sind über 190.000 verstorben. Und dies sind nur die statistisch erfassten Fälle. Die wahren Fallzahlen dürften um einiges höher liegen, da viele Staaten keine den unseren vergleichbare Kapazitäten zum Testen haben.

Niemand kann derzeit genau abschätzen, welchen Verlauf die Pandemie in den nächsten Monaten nehmen wird. Ein Impstoff ist noch nicht in Sicht. Hamsterkäufe, Millionen Menschen in Kurzarbeit, geschlossene Schulen, Museen, Hotels, Restaurants, Cafés und „Social distancing“ als Gebot der Stunde – man wähnt sich in einem schlechten Film. Leider ist all das im Augenblick traurige Realität. Erfreulicherweise sinken im Augenblick die Zahlen der Neuinfektionen in Deutschland deutlich, insoweit entfalten die weitreichenden politischen Maßnahmen immerhin Wirkung.

Auch vor uns Fossiliensammlern machen die Auswirkungen von Corona nicht halt. Unzählige Reisen mussten storniert oder aufgeschoben werden. Gruppenexkursionen und -veranstaltungen sind tabu und entsprechend sämtliche derartige Termine abgesagt worden, von Fossilienmessen ganz zu schweigen: die Fossilienbörse Leinfelden wurde auf unbestimmte Zeit verschoben, Ste. Marie aux Mines abgesagt und und und. Wie lange es dauern wird bis es mit Großveranstaltungen wie Börsen wieder losgehen kann, bleibt abzuwarten. Ausgefallene Termine in diesem Jahr neu anzusetzen, macht aber allein schon aufgrund der Planungsunsicherheit keinen Sinn mehr. Zu hoffen bleibt, dass es im Jahr 2021 wieder losgehen kann.

Persönlich hatte ich noch großes Glück Anfang März, als es hierzulande erst ganz wenige bestätigte Corona-Fälle gab und sich die rasante Entwicklung noch nicht abzeichnete, an die englische Jurassic Coast reisen zu können. Nach einem stürmischen Winter konnten meine Sammlerfreunde und ich dort im Laufe von 14 Tagen einige schöne Fossilien sammeln. Bedrückend war am Rande einer fantastischen Exkursion allein die Tatsache, dass sich Tag für Tag die Hiobsbotschaften in den Nachrichten häuften. Die Rückfahrt erfolgte planmäßig, allerdings in Kontinentaleuropa dann schon auf geradezu gespenstisch leeren Straßen.

 

01 Seatown

Abb. 1: Freiliegende Schichtflächen in Seatown (Dorset) Anfang März 2020.

Ich bin gespannt, wie lange ich von dieser Reise – die zum Glück noch stattfinden konnte – werde zehren können und müssen. Hoffentlich normalisiert sich die Situation spätestens bis zum kommenden Jahr.

 

Meine für den Sommer geplante USA-Exkursion muss auf unbestimmte Zeit verschoben werden. Insgesamt hat somit wohl jeder inzwischen ein gewisses Maß an persönlichen Negativerfahrungen in der Corona-Zeit gemacht, aber besser das als keine Einschränkungen zu haben und dann zu erkranken. So lange es einem gesundheitlich gutgeht, lässt sich all das verkraften – auch diese Krise wird irgendwann vorüber sein.
Was noch weiterhin funktioniert, zumindest bei uns in Nordrhein-Westfalen, ist das individuelle lokale Sammeln. Die größten Einschränkungen bei der Freizeitgestaltung hierzulande gibt es derzeit in Bayern, in anderen Bundesländern ist der "Grenzverkehr" eingeschränkt, was mitunter absurde Auswirkungen zur Folge hat. In unseren europäischen Nachbarländern gelten teils sehr strikte Ausgangsverbote – meine Freunde in Dorset (England) können derzeit z. B. überhaupt nicht mehr am Strand suchen gehen, soweit sie nicht das Glück haben direkt am Fundort zu wohnen, da die Anreise dorthin unzulässig ist.

Da man möglichst allem Negativem versuchen sollte, irgendwo auch etwas Positives abgewinnen: für Viele, die durch Corona mittelbar in ihrem beruflichen Alltag eingeschränkt sind und die auch nicht ersatzweise im HomeOffice arbeiten können sondern Überstunden abfeiern müssen oder bereits in Kurzarbeit sind, bietet sich jetzt eine Chance dazu, ihre unfreiwillig erlangte Freizeit für lange liegengebliebene Dinge zu nutzen. Ich denke hierbei an die Aufarbeitung der Rohmaterialbestände, die dank ihrer geradezu biblischen Ausmaße bei nicht wenigen Sammlern sogar für mehrere Jahre des „Lockdowns“ ausreichen würden.

 

02 Rohmaterial

Abb. 2: Nennen sie einen Menschen mit 16 Buchstaben, bei dem auch in Corona-zeiten keine Langeweile aufkommt:

F O S S I L I E N S A M M L E R.

Beim Sammeln von Fossilien ist „Hamstern“ zuweilen nicht nur legitim sondern auch klug, da da extensives Sammeln oftmals bei guten Aufschlussverhältnissen oftmals geboten ist, um Fossilien vor unmittelbar bevorstehender maschineller Zerstörung oder dem Verfall durch natürliche Erosion zu bewahren. Im Jahr 2020 werden möglicherweise bedingt durch die Beschränkungen der Reisefreiheit die Zuwächse an Neufunden geringer ausfallen, dafür aber die Bestände an Rohmaterial durch ein erhöhtes Präparationsaufkommen zusammenschrumpfen.

 

Tatsächlich war nach meinem Eindruck in den vergangenen Wochen als Folge von Corona das Steinkern.de Forum überdurchschnittlich aktiv. Es wurden viele Altfunde präpariert und aufgearbeitet. Während Treffen von lokalen Sammlergruppen ausgesetzt sind, besteht das Bedürfnis sich mit Gleichgesinnten auszutauschen weiter und die Online-Plattformen sind derzeit ein guter Weg miteinander in Kontakt zu bleiben. Bei Steinkern.de geht zunächst einmal alles weiterhin seinen geordneten Gang und man kommt auf positive Gedanken jenseits der Coronakrise – im gedanklichen Mikrokosmos „Fossilien“ ist eben noch fast alles in Ordnung.

In der nächsten Zeit wird es in Deutschland darum gehen, Stück für Stück an Normalität zurückzugewinnen. Der Spagat besteht darin, einerseits das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, um dramatische Entwicklungen wie in Italien auszuschließen, wo Schwerstkranke in den Krankenhäusern zeitweise nicht mehr ausreichend medizinisch versorgt werden konnten, andererseits aber die Wirtschaft nicht zu sehr zu schwächen, um die langfristigen ökonomischen und sozialen Folgen von Corona abzuschwächen. All dies sind schwierige Abwägungsfragen für die Politik und was genau richtig oder falsch ist, wird leider – wenn überhaupt – statistisch erst mit etwas Verzögerung messbar.

Anfangs hat man über die Wirksamkeit des Tragens von Masken gestritten. Inzwischen herrscht Einigkeit darüber, dass sogenannte Alltagsmasken dabei helfen können Tröpfcheninfektionen zu verhindern. Nachdem es zunächst nur eine dringende Empfehlung der Bundesregierung gab im öffentlichen Raum Masken zu tragen, haben inzwischen alle 16 Bundesländer eine Maskenpflicht beschlossen, die überall entweder noch im Laufe des Aprils in Kraft tritt oder bereits jetzt gilt. Die Pflicht zum Tragen von Mund- und Nasenbedeckungen bezieht sich auf das Einkaufen und den öffentlichen Nahverkehr.

Sowohl bei der Versorgung von Fachpersonal mit medizinischen Masken als auch der Versorgung der Bevölkerung mit sogenannten Alltagsmasken gibt es Engpässe. Viele Unternehmen, gerade auch solche, die unter der Krise besonders zu leiden haben, waren daher in den vergangenen Wochen kreativ und haben einen Teil ihrer Produktion auf Behelfsmasken umgestellt. Landauf landab gibt es aber auch eine Vielzahl engagierter Privatpersonen, die sich an ihre Nähmaschinen gesetzt haben und Alltagsmasken hergestellt und an soziale Einrichtungen gespendet sowie an Verwandte und Freunde verteilt haben. Genau das tat auch Steinkern-Neumitglied Catherine Lessmeier aus Bielefeld, die als Lehrerin zuletzt mehr Freizeit hatte als sonst. Sie hatte sich im November 2019 auf Steinkern.de angemeldet, nachdem ihr gleich bei ihrer ersten Fossiliensuche ein seltener Fund in der Oberkreide des Teutoburger Waldes bei Bielefeld geglückt war: ein Haiwirbel aus einem Rotpläner des Turoniums. Ein solcher Fund zum Einstieg verpflichtet natürlich auch dazu, im Thema zu bleiben.

 

03 Haiwirbel Teuto

Abb. 3: 8 cm großer Haiwirbel auf rötlichem Pläner der Inoceramus lamarcki-Zone des Teutoburger Waldes östlich von Bielefeld. Ein ungewöhnlicher Fund für eine erste Fossiliensuche.

 

Nachdem Cathi schon über 70 Masken genäht hatte, schlug ich ihr vor, die 100 noch mit Masken mit Fossilienmotiv vollzumachen. Unser „Deal“ war schnell klar, ich „organisiere den Stoff“ und sie näht die Fossilienmasken. Andersherum hätte es mutmaßlich auch weniger gut geklappt, ohne das Licht meiner Handarbeitsfähigkeiten (also, Fossilien präparieren kann ich einigermaßen!) zu sehr unter den Scheffel stellen zu wollen. Wie dem auch sei, wir fanden schnell einen schönen bei 60° C waschbaren Stoff mit Dinosauriermotiv („Cretonne Dinosaurier – blaugrau“), der sich gut für die Herstellung von Alltagsmasken eignete. Es dauerte dann allerdings eine halbe Ewigkeit bis zur Lieferung der 1 x 1,60 m großen Stoffbahn. Immerhin, der Anbieter teilte mir alle paar Tage mit „Deine Lieferung ist sichergestellt - bitte habe noch etwas Geduld“. Noch keine Spur von "social distancing", ich wurde direkt vom Verkäufer gedutzt. Die Lieferverzögerung war auch der Corona-Situation (hohe Nachfrage, weil wohl einige ähnliche Ideen hatten) geschuldet und momentan ist dieser schöne Stoff sogar ganz vergriffen. Wir geduldeten uns also und als die Lieferung nach über 14 Tagen ankam, machte sich Cathi direkt an die Arbeit.

 

04 Dinosauriermasken

Abb. 4 a und b: Der Stoff wird zugeschnitten und danach kann es auch schon mit dem Nähen losgehen.

 

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Abb. 5: Wie beim Fossilien präparieren ist ein aufgeräumter Arbeitsplatz auch beim Herstellen von Alltagsmasken mit Fossilmotiv unentbehrlich. Im Hintergrund wird auf dem Tablet die in Fossilienhaushalten übliche normale Browser-Startseite angezeigt.

 

Inzwischen hatte sie insgesamt schon rund 150 Masken hergestellt und verteilt (die meisten ans DRK) und sogar erste Schülerinnen für das Herstellen von Masken begeistern können. Bevor der Schulbetrieb in Nordhein-Westfalen wieder aufgenommen wurde, kamen nun noch schnell die Dino-Masken an die Reihe.

 

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Abb. 6: Die ersten beiden Exemplare sind fertiggestellt. Das geschulte Auge erkennt oben in der Mitte einen Triceratops.

 

Es entstanden über 20 Alltagsmasken mit Dinosauriermotiv. Die Herstellung pro Maske dauerte etwa 10 bis 15 Minuten. Das Altersspektrum der Träger ist auf jeden Fall groß: eine kleine, aus einem Reststück genähte Maske bekommt Cathis zweieinhalbjähriger Neffe und eine weitere geht an meine 99-jährige Großmutter.

 

 07 Miniaturausgabe

Abb. 7: Die kleinste für den Kleinsten – aus einem Reststück Stoff genäht. Das Interesse an Dinosauriern kann schließlich nicht früh genug geweckt werden.

 

Alle anderen Masken wurden inzwischen an die Familien- und Erziehungsberatungsstelle (FEB) der Diakonie im Kirchenkreis Halle (Westf.) gespendet, die diese weiterverteilt.

 

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Abb. 8: Über 20 Dinosaurier-Masken sind bereit zur Übergabe an die FEB der Diakonie in Halle (Westf.).

 

Alltagsmasken selbst herstellen
Im Internet findet man inzwischen diverse Anleitungen zur Herstellung von Atemmasken, z. B. über eine Google-Suche mit einer Eingabe wie „Behelfsmaske nähen Schnittmuster“. Dort stößt man schnell auf geeignete Schnittmuster und wer mit einer Nähmaschine umgehen kann und geeigneten Stoff vorliegen hat oder erwirbt, kann sich auf dieser Basis schon bald an die Produktion machen.

Man sollte übrigens besser nicht von „Atemschutzmasken“, sondern lieber von Behelfsmasken oder Alltagsmasken sprechen und schreiben, da die Bezeichnung „Schutz“ gegen produktspezifische Kennzeichnungspflichten nach dem Medizinproduktgesetz und gegen das Irreführungsverbot verstoßen könnte. Die selbst hergestellten Masken sind im Augenblick nichtsdestotrotz ein wichtiger Beitrag zur Minimierung des Übertragungsrisikos. Gleichzeitig entzerrt die Verfügbarmachung solcher Masken die Nachfrage nach medizinischen Masken, die derzeit dringend im medizinischen Bereich benötigt werden. Die Alltagsmasken schützen nicht in erster Linie denjenigen, der sie trägt, sondern sollen vor allem verhindern, dass die Trägerin oder der Träger andere Personen ansteckt.

 

Wichtig:
Behelfsmasken aus Stoff müssen regelmäßig gereinigt bzw. sterilisiert werden. Das funktioniert in der Waschmaschine, per Handwäsche, mit dem Bügeleisen oder auch durch Erwärmen im Backofen.

Dieser Bericht darf gern auch als Anregung zum Nachahmen aufgegriffen werden. Es gibt übrigens, wie unsere Internetrecherche zeigte, ganz viele Stoffe mit fossilspezifischen Motiven (meistens Dinosaurier). Der gewählte Stoff sollte waschbar sein, damit er nach dem Reinigen wiederverwendet werden kann und weiterhin schön aussieht. Wer selbst auch Fossilienmasken genäht hat, ist herzlich eingeladen im Forum Fotos der Resultate zu zeigen:

 

https://forum.steinkern.de/viewtopic.php?f=3&t=29815

 

Dank
Mein Dank gilt Catherine Lessmeier für die Herstellung der Alltagsmasken mit Fossilmotiv und ihre Fotos für den Bericht. Und allen anderen, die sich in ähnlicher Weise engagieren. Das Masken nähen ist zurzeit aus meiner Sicht ein schöner Gegenentwurf zum Hamsterkauf.

 

Fotos: Abb. 1 und 2: Sönke Simonsen, Abb. 3–8: Catherine Lessmeier

 

Bericht: Sönke Simonsen für Steinkern.de