Rezension: Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte

 

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Paläo-Art: Darstellungen der Urgeschichte


Zoë Lescaze, mit einem Vorwort von Walton Ford

 

TASCHEN Verlag, www.taschen.com, Hardcover mit 4 Ausklappseiten, Format: 28 x 37,4 cm, 292 Seiten


Preis: 75 €

 

 

Grafische Abbildungen ausgestorbener Tiere und längst vergangener Landschaften begegnen uns in Museen, in Büchern, Zeitschriften und auch über den wissenschaftlichen Bereich hinaus bis in die Popkultur und den Alltag. Meist gehen wir wie selbstverständlich davon aus, dass es sich um die zur jeweiligen Entstehungszeit akkuratest mögliche Wiedergabe aller Erkenntnisse über das Dargestellte, über die Anatomie der Tiere und die Gestalt ihrer Umwelt, der Pflanzen und Landschaftsformen, handeln muss. Und auch die Durchdringung dieser Bilder mit unserer Alltagswelt – die Nichtbeschränktheit auf den akademischen Raum – nehmen wir als gegeben hin. Mitunter mag Letzteres zu einer abwertenden Sicht auf das Sujet, als für Kinder und die breite Masse zugeschnitten, führen.

Mit dem vorliegenden Werk hat es sich Zoë Lescaze zur Aufgabe gemacht, vornehmlich diese beiden – selten spannungsfrei nebeneinander existierenden – Aspekte aus der langen Geschichte der bildlichen Darstellung der Urgeschichte herauszuarbeiten: Annäherungen an die Wahrheit und der Wunsch nach öffentlicher Wahrnehmung. Ihr Material fand sie in Museen und Archiven, in teils vergessenen und vernachlässigten Beständen, deren Zustand durchaus ein Spiegel der Ratlosigkeit in der Bewertung dieser Art von Kunst sein mag. Dabei begegnen dem Leser bekannte und berühmte Namen, wie Zdeněk Burian, Heinrich Harder, Benjamin Waterhouse Hawkins, Charles R. Knight, Konstantin Konstantinowitsch Fljorow und etliche mehr. Burian war Schöpfer Hunderter eindringlicher Urzeitporträts, auf Harder gehen die verspielten Wandgemälde des Berliner Aquariums zurück, Hawkins gestaltete unermüdlich die monumentalen Saurierskulpturen des Londoner Crystal Palace, Knight übersetzte die Beute der nordamerikanischen „Bone Wars“ kraftvoll in naturalistische Gemälde, während sich die Kunst Fljorows durch märchenhaft leuchtende Farben auszeichnet.

Zunächst wird der Beginn des Zeichnens von Rekonstruktionen ausgestorbener Tiere überhaupt – 1830 in England, basierend auf den dort reichhaltig gefundenen jurassischen Saurierresten – beleuchtet. Seinerzeit noch elitären akademischen und vermögenden Lesern wissenschaftlicher Veröffentlichungen vorbehalten, vermischen sich trotzdem, aufgrund von Lücken im fossilen Fundus, schon im allerersten derartigen Bild „Duria Antiquior“ von Henry Thomas de la Bèche Wissenschaft und gestalterische Freiheit. Diese Vermischung bildet im Weiteren den roten Faden des Buchs. Und es scheint auf, dass auch Ereignisse der Zeitgeschichte sowie die jeweilige kulturelle Verfasstheit, sowohl die ganz große Weltpolitik als auch persönliche Schicksale weder Wissenschaftler noch Künstler und ihre Werke unberührt gelassen haben. So wird das Genre zu einer eigenen Kunstrichtung: der Paläo-Art. Es entsteht der Eindruck, als sei diese spezielle Kunst zutiefst im Europäischen verwurzelt, entstanden aus den Grundsätzen der Aufklärung, aber genauso geformt und überprägt von kulturellen und politischen Ideologien jeglicher Couleur.

 

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Kapitel 2 widmet sich den Einflüssen neuer naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf die breite Bevölkerung des Viktorianischen Zeitalters: Das Atelier des Dinosaurierskulpteurs Benjamin Waterhouse Hawkins am Londoner Crystal Palace, Holzschnitt von Philip Henry Delamotte, 1853, 28 x 40,5 cm. Die Doppelseite kann durch Anklicken vergrößert dargestellt werden.

 

In acht Kapiteln werden bekannte und prägende Maler der Paläo-Art unter Berücksichtigung der persönlichen und zeitgeschichtlichen Umstände, die ihre Arbeit beeinflussten und eine Auswahl ihrer Werke vorgestellt. Parallel zu den Veränderungen des Wissens über die Urgeschichte, das sich in den Bildern widerspiegelt, vollzieht das Buch auch eine Zeitreise durch die Weltgeschichte:

Wenn sich die Kreaturen auf den Bildern ebenso bekämpfen wie das Britische Weltreich auf dem Globus seine Eroberungen vorantreibt…
Wenn die wissenschaftliche Forschung die Bibel als Erkenntnisquelle für die Natur der Welt ablöst und in dieser Funktion mit Visionen der Zukunft und der Vergangenheit die Narrative der Märchen in der Bevölkerung ersetzt…
Wenn sich die Eroberung des nordamerikanischen Westens samt der damit einhergehenden Dinosaurierfunde in einer kraftvoll dynamischen Darstellung der Echsen niederschlägt…
Wenn zwei Weltkriege die Farben der Künstler verdüstern…
Wenn mutige Farben und riesige Skulpturen den Anspruch des Sowjetimperiums auf Aufmerksamkeit und Ruhm herausstellen und gleichzeitig Bilder des harten Überlebenskampfes der Vormenschen für den Lebensalltag in den Vasallenstaaten der Sowjetunion stehen –

dann wird dem Leser vor Augen geführt, dass es keine Inspiration ohne Subjektivität geben kann und die Kunst ihren kraftvollsten Ausdruck dort findet, wo sie frei ist von den Beschränkungen der wissenschaftlichen Exaktheit. Wo die kurzen Texte der Kapitel enden, setzen die zahlreichen Bilderseiten die Erzählung fort. Schließlich beendet Lescaze ihre Betrachtungen in den 1980er-Jahren mit der knappen Behauptung, dass von nun an eine ganz andere Kulturtechnik – der Computer – zum maßgeblichen Werkzeug des Paläo-Künstlers geworden ist und hier kaum mehr individuelle Züge in den Werken wahrzunehmen seien.

Die Autorin hatte weder, und dies kommuniziert sie auch deutlich, den Anspruch, lediglich eine Sammlung von Bildern der Urgeschichte zu veröffentlichen, noch sah sie es als ihre Aufgabe, der wissenschaftlichen Akkuratesse der Darstellungen nachzuspüren. Vielmehr ist es ihr ein Anliegen, aufzuzeigen, wie Urgeschichte durch die Sichtweisen und Persönlichkeiten von Menschen interpretiert und stets subjektiviert wurde und dabei im Künstlerischen zu einem Zugriff auf vielfältige, ganz unterschiedliche Darstellungstechniken und -stile führte.
Diesem Anliegen widmet sie sich auf eine sehr anschauliche und lebendige Weise – in manchem Kapitel mag sich der Leser durchaus noch eine Vertiefung der spannenden Erzählungen vom Leben der Künstler und über den zeitgeschichtlichen Hintergrund wünschen, doch wird stets das Prägnante, für das der Künstler oder die Epoche stehen, deutlich herausgearbeitet, um dann den Bildern großzügig Raum zu geben. Das große Format des Buchs sorgt dabei dafür, dass die Darstellungen eine beeindruckende Wirkung auch in Details entfalten können, ganz besonders gilt dies für die vier teils auf mehrere Seiten ausklappbaren Monumentalbilder. Zu jedem Bild ist eine Erläuterung gegeben. Eine Bibliografie und ein Quellenverzeichnis ergänzen die Ausführungen.

 

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Rudolph Zallinger, 1943: Studie für das Gemälde „Zeitalter der Reptilien“ im Yale Peabody Museum of Natural History (Eitempera auf Tafel, 209,5 x 30,5 cm). Copyright: Courtesy of the Peabody Museum of Natural History, Yale University, New Haven, Connecticut, USA. Das Gemälde kann durch Anklicken vergrößert werden.

 

Außergewöhnlich ist die hohe Qualität und die Liebe zum Detail, mit der dieses Buch gestaltet wurde, bis hin zu dem mit einem Reptilienhautmuster geprägten Einband mit eingeprägtem Dinosauriertrittsiegel. Eine ähnliche Zuwendung hätte man dem Korrektorat der deutschsprachigen Ausgabe wünschen dürfen. Leider wurden einige Schreibfehler übersehen. Die absolute Behauptung der Autorin, in der Tschechischen Republik gäbe es keine Fossilien, lässt erfahrene Fossilienkenner aufmerken, ist doch das tschechische Barrandium schlechthin ein Inbegriff für Fossilienreichtum. Verständlich wird diese Aussage erst, wenn der Leser unter Fossilien vorrangig Dinosaurier versteht.
Abgesehen von solchen, für die Gesamtbewertung ihres Buches eher nebensächlichen, Ungenauigkeiten schafft es die Autorin jederzeit, in ihren eigenen Professionen – Kunstgeschichte, angewandte Kunst und Anthropologie – ihr Thema auch dem nicht vorgebildeten Leser anschaulich und mitreißend nicht zu nur präsentieren, sondern verschiedene Aspekte immer wieder miteinander zu verweben, was die Ausführungen lebendig gestaltet und im Gedächtnis bleiben lässt. Einzig die These vom „Ende der Geschichte“, vom computerisierten Niedergang der Paläo-Art im ausgehenden 20. Jahrhundert, würde man sich als Leser belegt wünschen – wenn schon nicht mit Beispielen im vorliegenden Buch, so doch gerne ausführlichst mit einem weiteren, ebenso außergewöhnlichen und prächtigen Bildband.

 

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In „Mammut (Elephas primigenius)“ (1941, Öl auf Faserplatte, 72 x 52 cm) scheint Zdeněk Burian bei der Darstellung der im Hintergrund vorbeiziehenden Mammutherde auf Archetypen der paläolithischen Höhlenmalerei zurückzugreifen, fühlte er sich doch selbst auf besondere Weise von Höhlen angezogen und über das Rationale hinaus von ihnen inspiriert. (Copyright: www.zdenekburian.com)

 

Nach der Lektüre dieses Buchs wird es schwerfallen, die Bilder von Dinosauriern und Urmenschen, die uns in Museen und Büchern und in der Popkultur begegnen, jemals wieder unhinterfragt zu betrachten. Und es wird schwerfallen, uns nicht von alten Abbildungen, die wir zwar als wissenschaftlich überholt und als zeitgeistig vorgestrig ansehen mögen, trotzdem berühren zu lassen, weil nämlich die Tiere und Landschaften der Urwelt vor allem eines sind: eine zutiefst menschliche, emotionale Errungenschaft. Dies verständlich und empfindsam dem Leser darzubieten ist das große Verdienst dieses Werks.

 

Die drei Abbildungen sowie das Cover wurden freundlicherweise vom Verlag TASCHEN zur Illustration der Rezension zur Verfügung gestellt.

 

Rainer Albert für Steinkern.de

 


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