Böse Überraschung an einem Quastenflosser aus den Solnhofener Plattenkalken, oder: Wie neue Techniken der Beleuchtung und des Fotografierens ungeahnte Beobachtungen an alten Stücken ermöglichen

Es ist ein Gefühl, das sicherlich einige Leser kennen werden: Man übernimmt ein Stück aus einer alten Sammlung und ist eigentlich erst einmal recht zufrieden mit dem was man erworben hat – oft über Jahre. Bis einem irgendwann Zweifel kommen, etwa genährt durch die kritische Einschätzung eines Sammlerfreundes, der das Stück bei einer Sammlungsbesichtigung näher betrachtet hat oder auch durch neue Untersuchungsmethoden. Im vorliegenden Fall war es so, dass uns neue Fototechniken einen ungeschönten Blick erlaubten, ohne dass man Röntgenstrahlen oder gar invasive Methoden anwenden muss, um den Spachtelarbeiten auf die Spur zu kommen. Was man braucht sind lediglich eine hochwertige Digitalkamera, ultraviolettes Licht sowie ein Vergrößerungsglas oder Mikroskop.

 

Geschichte des Quastenflossers

Im Jahr 2007 übernahm ein Bekannter auf der Messe in Tucson (Arizona, USA) einige Fossilien aus einer alten Sammlung, unter denen sich auch der hier besprochene Quastenflosser befand. Angaben zur Präparation oder Restauration gab es zu keinem dieser Stücke.

 

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Abb. 1: Gesamtansicht. Foto vergrößern.

 

Auf den ersten Blick ist der Quastenflosser ein ansehnliches Fossil, das in dieser Größe (31,5 cm) auch Seltenheitswert besitzt.

Einer der Autoren kann sich nach langem Nachdenken daran erinnern, das Stück schon einmal gesehen zu haben: Es ist um das Jahr 1988. Bei einem Besuch bei den von Hinckeldey´s hing der Quastenflosser im Treppenhaus ganz oben über allen anderen Stücken ihrer Sammlung an der Wand. Auch die Geschichte zu dem Stück kommt langsam wieder hoch.
Olga von Hinckeldey berichtete damals, dass sie zu der Zeit auch für einen großen Steinbruchbetrieb präparierte. Dieses Stück hatte sie als Haufen dünner Scherben behalten dürfen, die andere Seite habe sie für den Betrieb präpariert. Dabei konnte sie weitere Teile retten und habe dann alles Übrige zusammengefügt und in eine Platte eingesetzt. Für die damalige Zeit eine gute Arbeit.

Doch zurück in die Gegenwart: Der Quastenflosser lag in der neuen Sammlung und zunächst erschien alles gut zu sein. Viele Experten besichtigten die Sammlung und mancher von ihnen äußerte Bedenken zu diesem Fisch. Dann hielt die UV-Fotografie Einzug in die diagnostische Arbeit. Als besonders geeignet erwies sie sich bei Fossilien aus den Solnhofener Plattenkalken. Nach ersten Erfolg versprechenden Experimenten wurden mit Optimierungen der Ausstattung (bessere Lampen und Kameras) auch die Untersuchungsergebnisse zu den Stücken immer besser – und entlarvender.

Betrachtet und analysiert man die Ergebnisse der Dokumentation des Quastenflossers, ist man zugegebenermaßen irritiert. Schön ist ´was anderes! Wenn man dann noch nicht einmal beim Erwerb über die am Stück vorgenommenen Ergänzungen und Spachtelarbeiten informiert wurde, ist das noch weniger amüsant. Und wenn dann auch noch der Zahn der Zeit an Farben und Lacken nagt, macht das Betrachten des Fossils bald überhaupt keinen Spaß mehr.
Die neuen Techniken können helfen, interessierte Erwerber künftig vor solch unappetitlichen Geschichten zu bewahren. Der Quastenflosser soll als Beispiel dienen, was sich mit UV-Licht alles sichtbar machen lässt.

 

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Abb. 2: Gesamtansicht unter UV-Licht. Foto vergrößern.

 

Bestandsaufnahme
Nachfolgend nehmen wir das Stück systematisch von vorn nach hinten unter die Lupe:

 

Der Schädel
Nach dem ersten Schreck fragt man sich, ob der Schädel überhaupt zu diesem Stück gehört und ob es auch wirklich nur ein Schädel ist oder gar Reste mehrerer Individuen eingesetzt wurden.

 

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Abb. 3: Foto vergrößern.

 

Das UV-Foto hilft bei der Analyse weiter. Man erkennt darauf gut den dreieckigen Kiemendeckel und auch den massiven Unterkiefer bei leicht geöffnetem Maul. Im Bereich der Schädelkapsel fehlen allerdings Teile, die restauriert wurden. Es ist auch wirklich nur ein Kopf, kein Komposit aus mehreren Schädeln. Die Restauration setzt sich in den vorderen oberen Rückenbereich fort.

 

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Abb. 4

 

Dorsalis I, die erste Rückenflosse
Aus der Distanz betrachtet, sieht die erste Rückenflosse noch ganz brauchbar aus. Das zweite Foto im Streiflicht zeigt dann jedoch schon, das auch an dieser einiges gemacht wurde.

 

7 Dorsalis 1

Abb. 5

 

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Abb. 6

 

Unter ultraviolettem Licht wird es dann eindeutig. Nur die Basis ist echt, der Rest ist restauriert. Im Vergleich mit anderen Quastenflossern wird zudem klar, dass die Restauration zu klein geraten ist. Die Flosse hätte größer dargestellt werden müssen.

 

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Abb. 7

 

Dorsalis II, die zweite Rückenflosse
Auf den ersten Blick sieht es nicht so schlecht aus. Man erkennt, dass einige Teile zusammengesetzt wurden und im Streiflicht wird auch bereits deutlich, dass sie entweder nicht so gut zusammenpassten oder aber nicht optimal zusammengefügt wurden.

 

10 Dorsalis 2

Abb. 8

 

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Abb. 9

 

Das UV-Licht bestätigt es, man muss jedoch genau hinschauen, um zu erkennen, dass große Teile der Flosse echt sind. Im unteren Teil findet man eine Restauration.

 

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Abb. 10

 

Pectoralis, die Brustflosse
Bei der Brustflosse sieht man hingegen schnell, dass etwas nicht stimmt. Das Streiflicht verdeutlicht woran es liegt: Segmentierung und Form der Flossenstrahlen passen nicht.

 

13 Pectoralis

Abb. 11

 

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Abb. 12: Foto vergrößern.

 

Dass sich hier nichts Originales findet, zeigt das UV-Licht eindeutig. Die Flosse ist vollkommen und schlecht restauriert.

 

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Abb. 13: Foto vergrößern.

 

Genitalis, die Genitalflosse
In ihrer Erscheinung gleicht die Genitalflosse der vorhergenden Flosse. Bereits die Betrachtung unter Streiflicht verrät, dass auch daran einiges gemacht wurde.

 

16 Genitalis

Abb. 14

 

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Abb. 15

 

Auch hier bringt es die UV-Welle an den Tag: nichts ist echt.

 

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Abb. 16: Foto vergrößern.

 

Analis, die Afterflosse
Wie bei den vorhergehenden beiden Flossen macht auch beim Betrachten der Afterflosse bereits der erste Eindruck stutzig. Das Streiflicht trägt nicht zu einer Verbesserung dieses Eindrucks bei, ganz im Gegenteil:

 

19Afterflosse

Abb. 17

 

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Abb. 18: Foto vergrößern.

 

Wie bei der vorhergehenden Flosse: nichts echt!

 

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Abb. 19: Foto vergrößern.

 

Caudalis, die Schwanzflosse
Aus der Entfernung betrachtet, freut man sich noch. Bei näheren Hinsehen, kommen auch hier Zweifel.

 

22Caudalis

Abb. 20: Foto vergrößern.

 

Und diese werden wieder durch das UV-Licht bestätigt. Rund die Hälfte ist original erhalten, die andere Hälfte restauriert. Große Teile der Restauration sind anatomisch fragwürdig. Der Pinsel entbehrt jedweder Realität.

 

23kl

Abb. 21

 

Fazit

Auch wenn diese schonungslose Analyse sich wie ein Horrorszenario liest, so handelt es sich doch um ein seltenes Fossil. Es sind auch nicht unbedingt Hopfen und Malz verloren. Wollte man daraus etwas Vernünftiges machen, müsste man allerdings viel Zeit hineinstecken und die Arbeit Schritt für Schritt dokumentieren. Alternativ tut man das Fossil einfach im Istzustand in eine Schublade und legt die ernüchternde Bestandsaufnahme dazu.


Wenn man etwas Hochwertiges erwerben möchte, sollte man immer nachfragen, ob und wenn ja wo, wie und in welchem Umfang restauriert wurde. Zusätzlich sollte man erbitten, es vor dem Erwerb selbst mittels UV-Lampe kontrollieren zu dürfen. Erwirbt man ein hochpreisiges Stück, sollte man immer eine unterschriebene Expertise des Verkäufers zu dem Stück einholen und eine Rechnung verlangen. So hat man im Zweifel am Ende eher eine rechtliche Handhabe, wenn sich im Nachhinein böse Überraschungen zeigen sollten.

 

 

Angaben zum Fossil im Überblick:

Fossil: unbestimmter Quastenflosser

Größe: 31,5 cm

Stratigrafie: Solnhofen Formation, Tithonium

Fundort: Blumenberg, Eichstätt

Sammlung und Fotos: Lauer Foundation for Paleontology, Science and Education

 

 

Diskussion zum Bericht im Steinkern.de Forum:

https://forum.steinkern.de/viewtopic.php?f=3&t=28057

 

 

Udo Resch & Bruce Lauer für Steinkern.de

 


 
 
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