Trias

Ein Cyamodus aus dem Oberen Muschelkalk (Trias, Anis, Trochitenkalk-Formation) von Schopfloch im Schwarzwald (SW-Deutschland)

Redaktionelle Mitteilung:

Der nachfolgende Artikel von Norbert Wannenmacher "Ein Cyamodus aus dem Oberen Muschelkalk (Trias, Anis, Trochitenkalk-Formation) von Schopfloch im Schwarzwald (SW-Deutschland)" erscheint aus Anlass der neuesten Sammlerausstellung im Werkforum der Firma Holcim in Dotternhausen (Zollernalbkreis, Baden-Württemberg) auf Steinkern.de. In der nunmehr sechsten Ausstellung dieser Art im Werkforum geht es um den Muschelkalk der Gegend um Freudenstadt, Rottweil und Haigerloch. Die Hobby-Paläontologen Gerald Stappenbeck und Norbert Wannenmacher präsentieren Funde aus ihren Privatsammlungen und erarbeiteten für die Ausstellungsbesucher anhand der Sammlungsstücke einen lehrreichen Einblick in die Paläogeografie, die wechselvollen Ablagerungsbedingungen und die Lebewelt des Muschelkalkmeeres sowie die Gesteinsabfolge im Fundgebiet.

 

Flyer

Der Flyer kann durch Anklicken vergrößert angezeigt werden.  (© Holcim)

 

Zur Ausstellungseröffnung wird Norbert Wannenmacher einen Vortrag mit dem Titel „Exkursionen in den Muschelkalk“ halten. Der Vortag beginnt am Dienstag, 12. März 2019 um 19 Uhr. Im direkten Anschluss an den Vortrag kann die Ausstellung erstmals besichtigt werden – sie läuft bis zum 28. April 2019. Die Öffnungszeiten entnehmen Sie bitte dem obigen Flyer.

 

Cyamodus Schopfloch kl

 

Das hier gezeigte Pflasterzahn-Gebiss (die Abbildung ist ein Foto des Abgusses, das Original wird im Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart verwahrt) fand Norbert Wannenmacher am 17. Mai 2012 im Muschelkalk von Schopfloch. Der originalgetreue Abguss zählt zu den Exponaten der Ausstellung im Werkforum. Im nachfolgenden Artikel erfahren Sie einiges über Norbert Wannenmachers Sammeltätigkeit im oben genannten Gebiet sowie Einzelheiten über diesen "Glücksfund".

 

Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen

Die Steinkern.de Redaktion

 


 

Ein Cyamodus aus dem Oberen Muschelkalk (Trias, Anis, Trochitenkalk-Formation) von Schopfloch im Schwarzwald (SW-Deutschland) 

 

Die Erforschung des Muschelkalks in Südwestdeutschland hat eine lange Tradition, die auch in der Region des oberen Neckartals und am östlichen Schwarzwaldrand wurzelt. Friedrich von Alberti (1795-1878) erforschte über Jahrzehnte im Zuge seiner Tätigkeiten in den Salinen von Sulz, Schwenningen und Rottweil die Geologie der Region und veröffentlichte seine Ergebnisse in mehreren Büchern. In seinem Werk "Beitrag zu einer Monographie des bunten Sandsteins, Muschelkalks und Keupers, und die Verbindung dieser Gebilde zu einer Formation." von 1834 gab Alberti der Trias ihren Namen. Auch der Name Martin Schmidt (1863-1947) ist eng mit der Region verbunden, beschrieb dieser doch in seiner Dissertation im Jahre 1907 "Das Wellengebirge der Gegend von Freudenstadt".

Es ist immer wieder interessant die Beschreibungen in der älteren Literatur zu lesen, um dort nach beschriebenen Aufschlüssen zu fahnden. Es macht dann neugierig, mit eigenen Augen zu sehen, was von den Autoren beschrieben wurde. Viele Aufschlüsse sind natürlich nicht mehr vorhanden. Aber auch in diesen Fällen lassen sich ihre Beobachtungen auf die Geologie des Unteruchungsgebiets und etwaige neue Fundorte anwenden.
Über eine lange Zeit der intensiven eigenen Beobachtung eines Gebiets erwächst auch ein Erfahrungsschatz, der die eigene Kenntnis der regional untersuchten Geologie auch für wissenschaftliche Auswertungen wertvoll macht.

 

Abb01 Neckarlandschaft Muschelkalk

Abb. 1: Steilwände im Oberen Muschelkalk am Tierstein im Neckartal bei Rottweil.

 

Trotz zahlreicher Aufschlüsse ist die Fossilsuche im Muschelkalk hartes Brot. Die Lokalitäten am östlichen Schwarzwaldrand zeigen sich sehr oft als unzugängliche Steilwände. Im Laufe der Jahre und vieler Exkursionen kommt dann aber doch eine überschaubare Anzahl von schönen Funden zusammen. Allerdings sollte die Erwartung an die Ästhetik von Sammlungsstücken nicht allzu groß sein. Die fast schon übermäßig geforderte Frustrationstoleranz bei der Suche im Muschelkalk des oberen Neckars und im Schwarzwald ist vermutlich auch ein Grund für die geringe Anzahl von Fossiliensammler in der Gegend.

Wer regelmäßig eine eingegrenzte Region beobachtet, hat jedoch gute Chancen auch aktuelle temporäre Aufschlüsse mit frischem Material rechtzeitig mitzubekommen.

 

Abb02

Abb. 2: Baustellenaufschluss Umgehungsstraße Schopfloch. Im unteren Teil liegen die hellen dickbankigen Dolomite der Diemel-Formation. Darüber folgen die Trochitenkalke.

 

Abb03 Zellendolomit 2

Abb. 3: Zellendolomit der Diemel-Formation, Bildbreite ca 25 cm.

 

Die Fundgeschichte
Ein solch frischer Aufschluss bestand im Frühjahr 2012 bei der Gemeinde Schopfloch im Landkreis Freudenstadt (Baden-Württemberg) beim Bau einer Umgehungsstraße um den Ort. Durch die Bauarbeiten konnte die Schichtfolge ab den Orbicularisschichten des Mittleren Muschelkalks bis zur Rottweil-Formation des Oberen Muschelkalks abschnittsweise beobachtet werden. Trotz der Möglichkeit über einige Wochen hinweg die Baustelle aufzusuchen, war das Sammelergebnis auf der mehrere Kilometer langen Baustelle in der Menge eher bescheiden.

 

Abb04 Plagiostoma

Abb. 4: Plagiostoma striatum, Durchmesser 30 mm, links oben sieht man einen Trochiten von Encrinus, Trochitenkalk-Formation, Schopfloch.

 

Abb05 Coenothyris

Abb. 5: Coenothyris vulgaris, großes Exemplar Durchmesser 30 mm, Trochitenkalk-Formation, Schopfloch.

 

Abb06

Abb. 6: Handstück (Breite 90 mm) mit Loxonema sp. und Bakevellia costata, Trochitenkalk-Formation, Schopfloch.

 

Die Fundgeschichte

Ein Fund aus dem unteren Trochitenkalk übertraf dann allerdings alle Erwartungen.

Im Feldnotizbuch ist der 17. Mai 2012 festgehalten. An diesem Tag war aufgrund des schönen Wetters wieder ein Ausflug an die Baustelle eingeplant. Besonders die unteren Trochitenkalke ab den liegenden Dolomiten des Mittleren Muschelkalks waren damals gut zu beobachten. Aus dieser Schichtfolge sind die Lagen unter einer dickeren Trochitenbank ("Trochitenbank 4") mit einer Tonmergellage im Liegenden ("Haßmersheimer Mergel 3") aufgrund seltener Ceratitenfunde und einer etwas reicheren Faunenzusammensetzung von Interesse. Da er sonst nicht oft aufgeschlossen ist, habe ich diesen Bereich in der Bauphase immer besonders beobachtet.

 

Abb07 Trochitenbank

Abb. 7: Durch Evaporitauslaugung im Mittleren Muschelkalk schräggestellte Schichten der Trochitenkalk-Formation. Unten "Trochitenkalk 3", darüber "Haßmersheimer Mergel 3" mit einer eingeschalteten Mergelkalkbank. Im Hangenden "Trochitenbank 4" und höhere Kalkbänke.

 

Von oben den angeböschten Hang hinabschauend, sah ich auf der abgeschobenen Halde einen schwarzen Fleck im sonst grauen Gestein. Ich stieg hinunter zu dieser Auffälligkeit und freute mich über einen Pflasterzahn in einem handlichen Stein. Beim Überwischen des etwas verschlammten Stückes mit dem Daumen kam dann gleich noch ein weiterer Zahn zum Vorschein. In der sicheren Annahme, dass es sich um ein Kieferbruchstück eines Placodontiers handelt, wurde das gute Stück verpackt und verstaut. Die Freude über den Fund war groß und tröstete darüber hinweg, dass das Sammelergebnis sich ansonsten an dem Tag eher im bescheidenen Rahmen von Allerweltsfunden in Belegqualität gehalten hatte.
Zuhause wurde der Zahnfund zunächst vorsichtig abgewaschen. Erst jetzt zeigte sich das wahre Ausmaß des Fundes. Schon durch die Reinigung mit Wasser kam so viel Knochenmaterial im Gestein zum Vorschein, dass ersichtlich war: Es handelt sich um ein gut erhaltenes Schädelfragment eines Pflasterzahnsauriers. Die sich im Stein annähernd herzförmig abzeichnende Form des Schädels deutete auch schon auf die Gattung hin und die schnelle Recherche in der Literatur erwies, dass es sich um einen Cyamodus handeln musste.

 

Abb08 09 Cyamodus kl

Abb. 8 (links): Unterseite des Fundes mit zwei großen Pflasterzähnen nach der Reinigung der Oberfläche.


Abb. 9 (rechts): Auch auf der Oberseite traten nach dem Abwaschen bereits deutlich Knochenstrukturen hervor.

 

Abb. 8 und 9 größer anzeigen.

 

Was nun?!

 

Der Weg ins Museum
Mir war schnell klar, dass für mich eine weitere Präparation des Stückes nicht in Frage kam. Die wenige Erfahrung mit Wirbeltieresten aus dem Muschelkalk und die Gefahr von daraus resultierender, unsachgemäßer Behandlung war zu groß. So wurde das Stück im "Rohzustand" fotografiert und dem Staatlichen Museum für Naturkunde Stuttgart gemeldet. Über Günter Schweigert wurde der Kontakt zum Trias-Wirbeltierspezialisten Rainer Schoch geknüpft, welchem ich den Schädel mit einer Funddokumentation bei einem Besuch übergab.
Im Museum wurde der Schädel durch die Profis in der Präparationswerkstatt sehr schnell in Angriff genommen und ich erhielt schon nach einigen Wochen die Nachricht, dass der Cyamodus nun freigelegt sei. Ich konnte mir dann im Magazin in Stuttgart das frei präparierte Fossil anschauen. Der Fund ist somit für die Nachwelt gesichert und steht für künftige wissenschaftliche Bearbeitungen zur Verfügung. Ein hervorragender Abguss mit einer fantastisch naturgetreuen Koloration aus der Präparationswerkstatt des Museums, welche dem Original in allen Details gleicht, kam in meine Sammlung.

 

Abb10 12kl

Abb. 10 (Foto kann vergrößert werden.)
a: Abguss des Schädels von Cyamodus nach der Präparation. Oberseite. Länge 125 mm.
b: Der Blick auf die Unterseite offenbart das Gebiss des Oberkiefers.
c: Ansicht der Schädelseite von rechts.

 

Die Dokumentation
Die Fundstelle wurde nach der Entdeckung noch mehrmals aufgesucht. Die Schichtfolge ab den liegenden Dolomiten bis über die Trochitenbank 4 habe ich eingemessen und dokumentiert. Es ergab sich ein Profil, das sich gut mit den wenigen Nachbarprofilen der Region vergleichen lässt und auch überregional korreliert werden kann.

Profil an der Fundstelle Schopfloch bei Freudenstadt an der Umgehungsstraße nordöstlich des Ortes: Unterer Trochitenkalk bis Liegende Dolomite der Diemel-Formation

• 200 cm plattige ruppige Kalkbänke mit verlehmten Mergelfugen
• 60 cm "Trochitenbank 4"
• 40 cm "Haßmersheimer-Schichten Tonmergel 3" mit Ceratites flexuosus (Abb. 14.).
• 20 cm rauer, grußiger "oolithischer" Kalkmergel (Marmolatella planconvexa und Ceratites flexuosus). Eingeschaltete dünne Mergelsteinplättchen
• 40-50 cm Trochitenbank ("Trochitenbank 3")

• 150 cm Wechselfolge knauriger Kalkmergel - Mergelkalke - Kalke
z. T. Trochiten führend. Fundhorizont von Cyamodus

• 30 cm grauer Dolomit (Übergang zu den liegenden Dolomiten)
• 30 cm hellgraue Dolomitbank
• 30 cm hellgraue Dolomitbank, obere 5 cm mit senkrechten dünnen "Bohrgängen"
• darunter liegende Dolomite mit Zellendolomiten und Hornsteinbank.

Die Schichten sind durch Salzauslaugung im Untergrund gestört und teilweise schräg gelagert. Der Fund lag im Lockermaterial, ist aber eindeutig dem angegebenen Fundhorizont zuzuordnen.

 

Abb13 Schichtfolge Schopfloch

Abb. 11: Im Aufschluss. Mit dem Meterstab (etwas rechts der Bildmitte) ist die Fundlage des Cyamodus dargestellt.

Foto kann vergrößert werden.

 

Die Schichfolge liegt somit im Unteren Trochitenkalk, "atavus"/flexuosus-Zone. In der Freudenstädter Gegend verzahnt sich die Fazies der unteren Trochitenkalke mit den Haßmersheimer-Schichten. Die Gesteinsausbildung und die wenigen bestimmbaren Ceratitenfunde aus der Gruppe um Ceratites flexuosus vom Baustellenaufschluss und aus den benachbarten Vergleichsprofilen zeigen aber eindeutig, dass die Tonmergel im Hangenden des Fundhorizontes dem Haßmersheimer Mergel 3 gleichzustellen sind. Somit ist die feinstratigrafische Einordnung des Fundes gut abgesichert.

 

Abb14Ceratites

Abb. 12: Mäßig erhaltenes Ceratites "flexuosus" von der Baustelle Schopfloch, Durchmesser 70 mm.

 

Abb15 16

Abb. 13 und 14: Marmolatella planconvexa, Durchmesser 38 mm, Schopfloch. Diese Schnecken sind nur von wenigen Fundstellen im Muschelkalk des Germanischen Beckens bekannt. Die Detailaufnahme der bräunlichen Schalenresten lässt längliche Punktmuster als Reste der ehemaligen Farbmuster erkennen. Bildauschnitt 15 mm.

 

Nach Vergleichen mit Abbildungen aus der Literatur stelle ich den Schädelfund vorläufig zu Cyamodus cf. muensteri (Agassiz). Die hervorragende Erhaltung, mit nur leichten Beschädigungen durch den Bagger an der Schnautzenspitze und durch Verwitterung am linken Schädelbereich, ermöglicht weitere Untersuchungen und erweitert die Kenntnis über die Schädelanatomie, Systematik und das Vorkommen dieser bemerkenswerten Ordnung der Placodontia.

 

 

Literatur

 

Alberti, F. v. (1834): Beitrag zu einer Monographie des Bunten Sandsteins, Muschelkalks und Keupers und die Verbindung dieser Gebilde zu einer Formation, Stuttgart und Tübingen.

 

Diedrich, C. G. (2011): The shallow marine placodont Cyamodus of the central European Germanic Basin: its evolution, paleobiogeography and paleoecology, in: Historical Biology, An International Journal of Paleobiology, 24.3, S. 1–19.



Schmidt, M. (1907): Das Wellengebirge der Gegend von Freudenstadt. Mitt. Geol. Abt. Kgl. Württ. Stat. L.-Amt, H. 3, Stuttgart.

 

Schmidt, M. (1928): Die Lebewelt unserer Trias, Oehringen.

 

Urlichs, M. & R. Mundlos (1980): Revision der Ceratiten aus der atavus-Zone (Oberer Muschelkalk, Oberanis) von SW-Deutschland, in: Stuttgarter Beitr. Naturk., Ser. B. Nr. 48, Stuttgart. 42 S., 4 Taf., 7 Abb.

 

Wannenmacher, N. & Stappenbeck, G. (2011): Der Muschelkalk am östlichen Schwarzwaldrand, Teil 1: Die Trochitenkalkformation, in: Fossilien 4/11, S. 233–240.

 

 

Norbert Wannenmacher für Steinkern.de

 


 

Diskussion zum Bericht im Steinkern.de Forum:

https://forum.steinkern.de/viewtopic.php?f=3&p=251573