Unterer Jura

Coroniceraten in Schwefelkieserhaltung aus Bielefeld-Zentrum

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Vorüberlegungen und Erkundung

In der ersten Oktober-Woche berichtete die Neue Westfälische Zeitung im Bielefelder Mantelteil bereits auf der Titelseite über laufende Tiefbaumaßnahmen (Tiefgarage) zur Errichtung eines neuen Jobcenters. Schon das Foto in der Zeitung ließ dunkles Gestein auf der Grubensohle erahnen, also galt der nächste Blick der Geologischen Karte von Bielefeld. Diese wird in vorbildlicher Weise online vom BGU (Büro für Geohydrologie und Umweltinformationssysteme) im Auftrag des Umweltamtes Bielefeld online unter http://www.bgugeo.com/GeoWEB/master.htm bereitgestellt.

Bebaut wurde das bisher freistehende Geländedreieck zwischen Nahariyastraße, Herforder Straße und der westlich verlaufenden Bahnstrecke. Die Geologische Karte wies für diesen Bereich in etwa den Übergang vom Rhät zum Lias aus, mein Interesse an dem Bauvorhaben manifestierte sich also rasch.

Im Keuper hatte es etwa 200 Meter südlich von der Lokalität der neuen Baumaßnahme unmittelbar neben der Bielefelder Stadthalle eine Baugrube gegeben, aus der ein interessanter Querschnitt an Fossilien - hauptsächlich zahlreiche Fischzähne - geborgen werden konnten. Rainer Albert und ich hatten damals zusammenfassend über diese Maßnahme auf Steinkern.de berichtet. Der Artikel trugt den Titel Seltener Einblick in den Keuper von Bielefeld.

Nur wenige Meter nördlich des Geländes auf dem das Jobcenter entsteht, verläuft der Ostwestfalendamm-Tunnel, der zu Beginn der 1990er Jahre den Sammlern wahrhaft goldene Zeiten beschert hatte. Ein Teil des damaligen Aushubs mit dem Hettangium-Leitammoniten Schlotheimia angulata war damals in einer Tongrube in Bielefeld-Jöllenbeck deponiert worden. Mitte der Neunziger Jahre fand ich an dieser Lokalität meine ersten Fossilien. Die Halde existierte noch bis ins neue Jahrtausend hinein und lieferte unter anderem die Funde, die ich unter dem Titel Schlotheimien aus dem Hettangium von Bielefeld schon im Jahr 2005 auf Steinkern.de vorgestellt hatte.

Bei Gelegenheit einer anderen Verrichtung in der Innenstadt schauten wir uns zunächst die Baustelle von außen an, dort war jedoch leider schon kein Betrieb mehr. Immerhin jedoch ließ sich beim Blick von oben erahnen, dass es sich tatsächlich um Sedimentgesteine aus Unterem Jura oder Keuper handeln dürfte. Außerdem exitstiert bei größeren Bauvorhaben immer auch eine Informationstafel mit den Kontaktdaten des Bauleiters, die wir uns notierten.

 

Sammeln vor Ort

Wir konnten unproblematisch einen Termin mit dem sehr aufgeschlossenen Bauleiter vereinbaren und erbaten noch zwei Sammler-Kollegen zur Erstbegehung mitnehmen zu dürfen, was auch gestattet wurde. Also informierten wir die befreundeten Lokalsammler über die Baustelle und den Treffpunkt.

 

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Abb. 1: Baugrube unweit des Hauptbahnhofs und der Stadthalle in Bielefeld-Mitte. Bei der rechts hinten erkennbaren gelben Wasserrutsche (Freizeitbad Ishara) wurden beim Ausheben des Schwimmbeckens vor einigen Jahren schöne Ammoniten im Hettangium gefunden.

 

Nach einem Gespräch mit dem Bauleiter und Darstellung unserer Motivation die Baustelle zu besuchen, traten wir dann auch den Gang in die Baugrube an. Dank des Fachwissens unseres Sammlerfreundes und lokalen Hobby-Paläontologen Siegfried Schubert war bereits sehr schnell klar, dass es sich um Schichten des Unteren Sinemuriums handeln müsste, da wir rasch die ersten Coroniceraten gefunden hatten.

 



Unterer Jura    

Toarcium
Pliensbachium
Sinemurium
Hettangium

 



Unteres Sinemurium


Caenisites turneri

Microderoceras birchi
Caenisites brooki

Arnioceras semicostatum
Euagassiceras sauzeanum
Agassiceras scipionianum
Coroniceras reynesi
Arietites bucklandi Arietites bucklandi
Coroniceras rotiforme
Coroniceras conybeari

 

Tab. 1 und 2: Gliederung des Unteren Jura unter Verzeichnung der Stufe sowie Aufschlüsselung des Unteren Sinemurium mit Markierung der Subzone, in welcher sich der beschriebene Aufschluss befand.

 

Es war ein Einfallen der Schichten in südöstlicher Richtung zu merken. Auf einer Schräge quer durch die Baugrube konnten wir eine Häufung von Lesefunden bemerken. Durch das Umdrehen loser Platten gelangten wir zu einem adäquaten Querschnitt an Funden. Später begannen wir dann in den Bereichen, wo die Grube nicht unter Wasser stand einige Schollen mit dem Hammer auf links zu drehen, nachdem wir uns vom Bauleiter hatten versichern lassen, dass die Grube in den Folgetagen ohnehin noch einen halben Meter eingetieft werden würde.

Rund 95% unserer Funde waren verdrückt oder stark mit Pyrit verbacken, so dass eine weitere Präparation nicht oder nur eingeschränkt möglich ist, trotzdem wurde auch von diesen Stücken zumindest das etwas stabilere Material mitgenommen, auch um ein realistisches Bild der Fossilerhaltung in diesen Schichten zeigen zu können. Bei den Stücken mit Pyritharnisch erfolgte dies vor allem aber auch in der Hoffnung, dass dieser nicht überall flächendeckend sei und eventuell in einigen Bereichen Windungsteile von Ammoniten freigelegt werden könnten. Eine Hoffnung, die sich bei den Ammoniten von Abb. 3 und 4 bestätigte.

 

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Abb. 2: Querschnitt von Funden der Erstbegehung. Nicht alles was Pyrit ist, glänzt sofort - doch das geschulte Auge erkennt in der Obstkiste bereits einige hoffnungsvolle Exemplare.

 

Die in den gut aufspaltenden Tonplatten enthaltene Pyritfauna war wenig abwechslungsreich, es handelte sich fast ausschließlich um Coroniceraten. Außer dem nicht seltenen Vorkommen einer kleinwüchsigen pectiniden Muschel und weniger kleiner Gryphaen gab es zunächst keinerlei Anhaltspunkte auf weitere Faunenelemente in diesem Schichtstoß. Bis bei der zweiten Begehung ein anderer Sammlerfreund eine lose Platte umdrehte, in der ein langes Stielstück und davon abzweigende Cirren einer Seelilie der Gattung Isocrinus von traumhafter Schönheit steckten. Unverhofft kommt oft!

Einige Meter nördlich des Vorkommens der Schwefelkiesammoniten war zunächst eine geringmächtige Aufarbeitungsschicht mit einzelnen Gryphaen aufgeschlossen, auf die dann eine über einen halben Meter mächtige Kalksandsteinbank folgte, die in drei einzelne Bänke aufspaltbar ist. Es handelt sich dabei unter anderem um die "Heepener Bucklandi-Bank" / "Rotiforme-Bank", die von SCHUBERT 2005 aus einem benachbarten Aufschluss beschrieben wurden. Hier befindet sich der Übergang von der Rotiforme- zur Bucklandi-Subzone. In den blättrigen und schwach siltigen jüngeren Tonsteinen jenseits der Bänke fanden sich nur vereinzelt vollkommen flachgepresste Wohnkammern von Arieten, bis nach einigen Metern Schichtmächtigkeit eine dünne kalkige Lage mit schönen Exemplaren von Gryphaea folgte. Hier endete das Aufschlussprofil. Erschlossen war der Bereich der Schichten 16 bis 20 der Gliederung nach SCHUBERT 2005.

 

Präparierte Coroniceraten

Ich zeige nachfolgend einige meiner bereits präparierten Fundstücke. Sie wurden zunächst abgewaschen, mit einem Skalpell grob von anhaftendem Mergel befreit und dann mit Eisenpulver gestrahlt. Bei den Stücken mit Schwefelkiesharnisch wurde der Druck recht großzügig bemessen, um die runzelige Oberfläche in relativ kurzer Zeit freilegen zu können. Obacht galt es im Zentrum der Ammoniten walten zu lassen, nicht wegen der Sensibilität der inneren Umläufe, sondern wegen deren bedauerlichem Fehlen bei den meisten Exemplaren. Man möchte schließlich kein Guckloch im Zentrum des Ammoniten fabrizieren.

Auf eine über den Gattungsnamen Coroniceras hinausgehende Bestimmung der Ammoniten verzichte ich, da die in ein und demselben Schichtpacken gegebene Vielfalt an Merkmalsausprägungen eher eine innerartliche Varianz nahelegt, als dass sie unterschiedliche in der Literatur beschriebene "Arten" zu belegen vermag. Die doch recht unterschiedlich ausgeprägten Ammoniten stammen alle aus einem Horizont von weniger als einem Meter Mächtigkeit.

 

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Abb. 3: Coroniceras sp. mit Schwefelkiesharnisch und im Bereich der Außenwindung aufgesprengter Windung, Größe: 61 mm

 

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Abb. 4: Coroniceras sp., 50 mm, kräftig beripptes Exemplar mit breitem Windungsquerschnitt und partiellen Schwefelkiesanhaftungen.

 

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 Abb. 5: Rund 40 mm großes Coroniceras sp. mit erhaltener Wohnkammer, auffällig ist das Zurückschwingen der Rippen, welches erst ab dem zweiten erhaltenen Umgang des Ammoniten einsetzt. Auf diesem gut erhaltenen Exemplar lässt sich auch schön sehen, dass das Gehäuse nur aus relativ wenigen Kammerscheidewänden zusammengesetzt ist, die Lobenlinien liegen vergleichsweise weit auseinander. Due gesamte Außenwindung trägt keine Lobenzeichnung und lässt sich anhand dessen als die Wohnkammer des Ammoniten identifizieren.

 

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 Abb. 6: Mit 25 mm kleines und leider nicht vollständiges Individuum von Coroniceras mit deutlich sichtbarer pathologischer Erscheinung im Bereich von 6 bis 10 Uhr. Da die Wohnkammer erhalten ist, handelt es sich bei dieser geringen Größe offenkundig um ein juveniles Exemplar. Für die Fehlstelle zwischen 0 und 2 Uhr könnte eine am Übergang von Phragmokon zu Wohnkammer angesetzte, erfolgreiche Prädatorattacke ursächlich sein. Es handelt sich zwar nur um einen Steinkern, jedoch erscheint es verglichen mit den anderen Funden ungewöhnlich, dass dieser Bereich des Gehäuses nicht mit Pyrit ausgefüllt wurde. Aus dem Zusammenspiel von geringer Größe (jugendlichem Tod) des Individuums und Lage der Fehlstelle folgere ich, dass es sich um ein Prädationsopfer handeln dürfte.

 

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Abb. 7: Coroniceras sp. (35 mm) auf Gesteinsmatrix. Die Matrix hat durch die Behandlung mit Tiefengrund, welches ein Zerbröseln durch Sauerstoffeinwirkung verhindern sollte, einen unnatürlichen speckigen Glanz erhalten. Nachträgliches Sandstrahlen würde den Glanz nehmen, letztlich aber auch eine unnatürliche Oberfläche erzeugen, weshalb ich es bei dem derzeitigen Ergebnis belasse.

 

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Abb. 8: Dasselbe Exemplar wie in Abb. 7 umgedreht und neben die Grube seines Abdrucks im Sediment gelegt.

 

Weiterführende Literatur (mit Profilzeichnung und Beschreibung eines unmittelbar benachbarten Aufschlusses!):

Schubert, S. (2005): Ein Lias-Profil (Hettangium/Sinemurium) vom Bau des Ostwestfalendamm-Tunnels in Bielefeld-Stadtmitte nebst einem Profil von der Finkenstraße in Bielefeld, in: Geol. Paläont. Westf., 65, S. 5-61.