Unterer Jura (Lias)

Unterlias in Ofterdingen – ein Einblick in die Arietenschichten

Die Gemeinde Ofterdingen liegt südlich von Tübingen in Baden-Württemberg. Durch Ofterdingen verläuft die Bundesstraße 27. Die Ortschaft ist bereits seit den Zeiten der frühen geologischen Forschungen der Universität Tübingen Anlaufpunkt für geologische Erkundungen. So war schon Friedrich August Quenstedt (1809-1889) mit seinen Studenten vor Ort. Auch sein Schüler Albert Oppel (1831-1865) sammelte in Ofterdingen. Und auch heute noch ist Ofterdingen regelmäßig Ziel paläontologischer Exkursionen.

 

Das Ofterdinger „Schneckenpflaster“
Um sich ein Bild der Schichten des unteren Lias (Sinemurium) zu machen, ist man in Ofterdingen nicht auf temporäre Aufschlüsse angewiesen. Die Steinlach fließt durch den Ort und im Bachbett kann über eine weite Strecke der untere schwarze Jura verfolgt werden.
Am bekanntesten und sehr spektakulär ist das Ammonitenpflaster mit den Riesenammoniten - bei Niedrigwasser der Steinlach können die Schichtflächen der harten Kalkbänke begangen werden, sozusagen als schwäbisches „Lyme Regis“ bzw. ein Stück süddeutsche „Jurassic Coast“. Vielen Sammlern wird das dortige „ammonite pavement“ des Sinemuriums, das als UNESCO-Weltnaturerbe geschützt ist, ein Begriff sein.

 

01 Ofterdinger Ammonitenpflaster

Abb. 1: Das Ammonitenpflaster von Ofterdingen ist eingebunden in einen Geschichtslehrpfad. An der Erläuterungstafel an der Kriegsstrasse befindet sich ein bequemer Einstieg auf das Pflaster. Ansicht der Tafel vergrößern.

 

Die Verwitterung präparierte die Arieten, Nautiliden und unzählige Gryphaen und andere Fossilien heraus.
Es ist selbstverständlich, dass an diesem Naturdenkmal der Hammer nicht zum Einsatz kommen darf.

 

02 Ammonitenpflaster in der Steinlach

Abb. 2: Das Ammonitenpflaster im Bett der Steinlach im Frühsommer 2018. Foto vergrößern.

 

03 Detail Ammonitenpflaster

Abb. 3: Zumeist sind Negativabdrücke zu sehen. Es wird gerne behauptet, dass Sammler die Ammoniten geklaut hätten. Das Abräumen der Schichtfläche geschieht aber in aller Regel durch das fließende Wasser. Die Ammoniten sind weniger verwitterungsbeständig und werden rascher abtransportiert, übrig bleiben die ausgewaschenen Abdrücke.

 

Gefleckte Mergelkalke
Zum Sammeln ist man auf Baustellen angewiesen. Eine solche tat sich im Frühjahr 2018 durch Erschließungsarbeiten auf. Den Tipp zum Aufschluss verdanke ich dem bekannten Lokalsammler Elmar Scherer, der regelmäßig ein Auge auf die Situation in seinem Sammelgebiet hat.

 

04 Baustelle Ofterdingen Fruehsommer 2018

Abb. 4: Ein Kanalgraben in den oberen Arietenkalken.

 

05 Fossiliensammler Elmar Scherer

Abb. 5: Elmar Scherer aus Talheim, hier in seinem Sammlungsraum, beobachtet regelmäßig die Aufschlüsse im Steinlachtal. Eine Detailansicht des Nautilus in seinen Händen zeigt Abb. 6.

 

Elmar ist bekannt für seine fortschrittlich eingerichtete Präparationswerkstatt und die feinfühlige Präparationsarbeit. Zwei Beispiele aus den gefleckten Mergelkalken Ofterdingens zeigen sein präparatorisches Können.

 

07 Nautilus Slg Elmar Scherer

Abb. 6: Sehr fein herausgearbeiteter 14 cm großer Nautilus, Präparation und Sammlung: Elmar Scherer.

 

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Abb. 7: Paracoroniceras charlesi (Donovan), Ø 33 cm, mit ungewöhnlichem Berippungsbild auf den Innenwindungen, Präparation und Sammlung: Elmar Scherer.

 

An der Baustelle waren die Arietenkalke vom Schneckenfels bis zu den Lias-alpha-Ölschiefern aufgeschlossen.
Der Schneckenfels mit den vielen Ammoniten war extrem hart. Er wurde mit dem anderen Material sofort zu Schotter verarbeitet und wieder eingebaut. So konnte diese Lage dort nicht weiter untersucht werden.
Über dem Schneckenfels liegen in Ofterdingen die gefleckten Mergelkalke (nach Quenstedt) – eine Wechselfolge von härteren Kalkbänken und Mergellagen.
Spektakuläre Fossilfunde in den gefleckten Mergelkalken sind rar. Gerade die Ammoniten trennen schlecht und sind schwierig zu präparieren.
Die Fleckung des Gesteins entstand durch massive Bioturbation. Die Spurenfossilien sind dunkler gefärbt als die Matrix. Ansonsten sind Belemniten, Seelilienstielglieder, Muscheln und Brachiopoden häufige Faunenelemente.

 

08

Abb. 8: Es ist heute üblich, das Gesteinsmaterial an Ort und Stelle zu Schotter zu zerkeinern und zum Einbau zu verwenden. Der Brecher lässt nicht viel übrig zur Fossilsuche.

 

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Abb. 9: Das Profil im Kanalgraben zeigt die Abfolge der Schichten: ganz unten der Schneckenfels, dann die gefleckten Mergelkalke, direkt unter der Baggerschaufel die Ölschiefer des Lias alpha.

 

10 Gefleckte Mergelkalke Ofterdingen

Abb. 10: Schichtfläche eines Gesteinsblocks der gefleckten Mergelkalke mit Spurenfossilien, zumeist sind es Spreitenbauten (Rhizocorallium) und Fucoiden.

 

11 gefleckte Mergelkalke

Abb. 11: Im Bruch sieht man, wie sich die Spurenfossilien durch das Gestein ziehen.

 

12 xenomorphie

Abb. 12: Xenomorphes Wachstum: Eine Auster bildet ein Ammonitengehäuse ab.

 

13 gefleckte Mergelkalke ausgewittert

Abb. 13: Auf angewitterten Bänken treten gegenüber den Mergelkalkplatten verwitterungsbeständigere fossile Komponenten wie Seelilienstielglieder und Belemniten hervor.

 

Ölschiefer in den Arietenkalken
Den Abschluss des Profils bilden die interessanten Lias-alpha-Ölschiefer. Über der in diesem Aufschluss nur bis zu 15 cm mächtigen Lage mit bituminösem Schiefer lagen nochmals ein Tonmergel mit Spurenfossilien und eine dünne Kalkmergellage. Die Schichtflächen der abgerutschten Platten konnten nach Fossilien durchsucht werden.

 

14 Ofterdingen Profil oben Oelschiefer

Abb. 14: Der Profilbereich mit der Ölschieferlage (auf Höhe des Maßstabs, siehe Bildmitte).

 

Die Spurenerzeuger der hangenden Tonmergel drangen bis in die oberen Bereiche der noch unverfestigten Schiefer ein und schleppten Material von oben nach unten.

 

15 Rhizocorallium von oben

Abb. 15: Rhizocorallium von der Oberseite, Breite 5 cm.

 

16 Rhizocorallium Spreite

Abb. 16: Der Spreitenbau von unten betrachtet, man erkennt gut das eingeschleppte, feine Fremdmaterial.

Eine Besonderheit der Ölschiefer des Lias alpha sind die vielen Seeigel. Die Ölschiefer bildeten sich unter ähnlichen Bedingungen wie die bekannten Posidonienschiefer des höheren Lias. Es ist anzunehmen, dass diese Seeigel kurzfristige, lebensfreundliche Phasen am Meeresboden nutzten.

 

17 Massenansammlung Seeigel Ofterdingen

Abb. 17: Kleine Seeigel der Art Eodiadema olifex (Quenstedt) finden sich teilweise in großen Ansammlungen. Die Individuen sind bis maximal einen Zentimeter groß. Manche Schieferplatten sind übersät mit Seeigelstacheln. Die Ansammlung ist noch größer - einen größeren Ausschnitt davon zeigt dieses Foto.

 

18 Seeigelstacheln

Abb. 18: Durch leichte Strömung verdriftete und eingeregelte Stacheln von Seeigeln.

 

19 Eodiadema olifex aus Ofterdingen

Abb. 19: Ein Seeigel mit Stachelkleid. Die meisten Seeigelkapseln liegen ohne Stacheln vor. Sie lagen einige Tage frei am Meeresboden. Dieses Exemplar wurde durch schnelle Sedimentbedeckung vor dem Zerfall geschützt.

 

20 Ofterdingen Ansammlung Eodiadema olifex

Abb. 20: Eine Massenansammlung von Eodiadema vermutlich in einem Kolk oder einer Rinne. Auch hier sind die Seeigel noch artikuliert erhalten. Leider konnte nur dieser Ausschnitt der Ansammlung gefunden werden. Foto vergrößern.

 

Als weitere Spezialität der Lias-alpha-Ölschiefer finden sich die Röhren von Serpuliden auf Ammonitengehäusen. Zunächst fallen nur die weißen Spiralen auf den dunklen Gesteinsplatten auf.
Erst beim zweiten Hinschauen ist dann meist auch ein Ammonit zu erkennen. Bei den Ammoniten handelt es sich, soweit überhaupt bestimmbar, um Microderoceras und Arnioceras. Die Serpuliden wuchsen auf der Ventralseite der Ammoniten. Da der Meeresboden keine Besiedlung erlaubte – er war zu sauerstoffarm und zu weich – war es die Strategie der Röhrenwürmer, sich von den Ammoniten herumtragen zu lassen.


21 Serpula olifex auf Ammonit

Abb. 21: Die weiße Spirale von Serpula olifex Quenstedt. Als Substrat dient ihr ein 25 mm großer Ammonit, der sich nur undeutlich erkennen lässt.

 

22 Ofterdingen Serpula Doppelpack

Abb. 22: Ein hoher Prozentsatz der Ammoniten zeigt Röhrenwurmbesatz. Dieser 25 mm große Ammonit musste sogar gleich zwei Röhren mit sich herumschleppen.

 

Muscheln sind in den Ölschieferlagen eher selten. Sie waren in diesem Ablagerungsmilieu ebenfalls Floßbewohner, man findet sie angeheftet an größere Ammonitengehäuse oder an Treibhölzern. Sie fielen von ihren Flößen ab oder versanken mit ihnen. Die Muscheln aus den Lias-alpha-Ölschiefern sind in aller Regel etwas kleiner als ihre Verwandschaft aus dem Posidonienschiefer (Toarcium).

 

23 Cultriopsis olifex Ofterdingen Lias a3 Oelschiefer

Abb. 23: Cultriopsis olifex (Quenstedt), angeheftet an ein größeres Ammonitengehäuse, Länge 50 mm.

 

24 25

Abb. 24 (links): Pseudomytiloides, Höhe 12 mm, Platte und Gegenplatte. Die Schalen der Fossilien sind extrem fragil. Schon eine leichte Berührung oder bloßes Abwaschen kann die dünnen Schalen zerstören.

Abb. 25 (rechts): Meleagrinella cf. substriata, Ø 7 mm.

 

Eine kleine Besonderheit und Überraschung war der Fund eines winzigen Schlangensterns.

 

26 Schlangenstern

Abb. 26: Unbestimmter Schlangenstern, Ø 10 mm, mit eingerollten Ärmchen. Einer der Arme liegt vermutlich unter der Körperscheibe.

 

 

Literatur zum Thema:

Quenstedt, F. A. (1856-1858): Der Jura, Verlag Laupp, Tübingen.

Wannenmacher, N. & Ott, T. (2013): Fossilien aus den Unterlias Ölschiefern der Schwäbischen Alb, in: Fossilien 1/13, S. 46-53.

(Der Artikel von Wannenmacher, N. & Ott, T. beinhaltet ein ausführliches Literaturverzeichnis.)

 

Informationen zum Ammonitenpflaster im Internet:

https://www.ofterdingen.de/de/Mein-Ofterdingen/Gemeindeportrait/Schneckenpflaster

https://www.geopark-alb.de/de/geopark-erleben/gelogische-highlights.php?we_objectID=145

 

Norbert Wannenmacher für Steinkern.de

 


 

Diskussion zum Bericht im Steinkern.de Forum:

https://forum.steinkern.de/viewtopic.php?f=3&t=26929