Oberer Jura (Malm)

Die Gattung Olorizia Moliner und Oloriz 2009 im Vergleich zu den frühen Ataxioceraten aus Franken

Im Unterkimmeridge (Platynota-Zone, Guilherandense-Subzone) im Nordosten Spaniens treten Perisphincten mit ausgeprochen ataxioceratoider Skulptur auf. Moliner und Olóriz haben für diese Formen 2009 die neue Gattung Olorizia aufgestellt. Die Gattung umfasst mikrokonche und makrokonche Exemplare und ist mit über 100 horizontierte Funden dokumentiert. Dabei beträgt das Verhältnis mikro- zu makronchen Formen rund 80 zu 20. Im Holotypus, einem rund 156 Millimeter messendem Exemplar mit gedrückten und teilweise nur als Negativ erhaltenen Innenwindungen, sind quasi allemöglichen Skulpturtypen der Gattung Ataxioceras vereint, die eigentlich zeitlich versetzt und vor allem erst ab der unteren Hypselocyclum-Zone auftreten sollten. Die Hauptrippen spalten sich bipartit, polygyrat, häufig polyplok und dominant auch subpolyplok auf. Dazu kommen gegabelte und ungegabelte Schaltrippen sowie deutliche Einschnürungen. Lediglich Parabelrippen kann ich beim Holotypus keine erkennen, sie gehören aber nach Aussage der beiden Autoren zum möglichen Inventar der Gattung Olorizia. (Bild1 )
Bild 1:


Olorizia.jpg

 

 





Betrachtet man die frühen Ataxioceraten aus den vergleichbaren Schichten des Fränkischen Oberjura, so kann man im Profil Gräfenberg (Endress) in der Bank 8 Anklänge vor allem bei den engnabeligen Parataxioceraten (= "Schneidia" – siehe Anmerkung am Ende des Textes) feststellen: Unter der Inventarnummer 3482 liegt in meiner Sammlung eine Innenwindung eines Parataxioceras cf. elmii (ATROPS). Die Annahme, dass es sich bei dem rund 75 Millimeter messenden Stück um einen Mikrokonch handelt, liegt in einem verschobenen Windungsfragment begründet, das neben dem Gehäuse liegt. Es dürfte sich um einen Teil der Endwohnkammer handeln. Auch, wenn die Deutung des vorderen Teils als Endmundsaum mit beginnender Apophyse aufgrund der mangelhaften Erhaltung hypothetisch bleibt, so spricht die Berippung gegen einen Makronoch, der in diesem Stadium eher zum Skulpturverlust neigen würde. Mit Ausnahme der Einschnürungen weist dieser Parataxioceras cf. elmii das typische Skulpturbild der Gattung Olorizia auf. Auffallend sind vor allem zahlreiche erste Spaltpunkte im Bereich der Flankenmitte oder darunter (= subpolyplok) sowie vereinzelte gegabelte Schaltrippen. (Bild 2)


Bild 2:


elmii3.jpg

Unter der Inventarnummer 4221 stelle ich ein nahezu komplettes Exemplar von der gleichen Bank und dem gleichen Fundort dazu. Der Durchmesser beträgt rund 120 Millimeter. Der Mundsaum ist nicht erhalten, eine vermutlich nur schwach ausgeprägte Apophyse wäre wahrscheinlich. Auch, wenn jetzt die für Olorizia typischen Einschnürungen dazukommen und die Rippenspaltung kompliziert bleibt, so spielen sich die Gabelungen jenseits der Flankenmitte ab. Die für Olorizia typischen subpolyploken Spaltungen fehlen komplett. (Bild 3 und 4)


Bild 3:

elmii1.jpg

Bild 4:

elmii2.jpg


Wenn man die Entwicklung der Ataxioceraten im fränkischen Oberjura weiterverfolgt, zementiert sich dieser Trend. Unter der Inventarnummer 4167 habe ich einen Parataxioceras pseudoeffrenatum (WEGELE) [ = Parataxioceras pseudolothari GEYER = Parataxioceras latifasciculatum (WEGELE) = ? Parataxioceras geniculatum (WEGELE) ], der auf den ersten Blick einer Olorizia gleicht. Er stammt aus der Bank 12 und damit aus der ersten Bank des untersten Gamma 2 (Hypselocyclum-Zone, Hippolytense-Subzone, Guembeli-Horizont). Doch auch hier der gleiche Unterschied: Die komplizierten Rippenbüschel haben ihren Ausgangspunkt oberhalb der Flankenmitte. Erst gegen Ende der Wohnkammer rückt der erste Spaltpunkt Richtung Nabel. (Bild 5)

 


Bild 5:

pseudoeffrenatum.jpg?

 

Oberhalb des Guembeli-Horizontes scheinen dann jene Ataxioceraten, welche nach meinen bisherigen Aufsammlungen auch in anderen Profilen die kompliziertesten Skulpturen hervorgebracht haben. Hier würde auch Olorizia gut dazu passen. Im eigentlichen Hypselocyclum-Lager und darüber (Bsp. Parataxioceras planulatum, Parataxioceras perayense) domineren wieder einfachere Spaltungen, die zu Verwechslungen mit älteren (Bsp. Orthosphinctes, Ardescia) oder jüngeren (Besp. Progeronia) Gattungen führen können.

 

Anmerkung zur Gattung Schneidia. Schneidia ist von Atrops 1982 als Untergattung von Ataxioceras für relativ engnabelige frühe Ataxioceraten mit kurzen Apophysen aus dem oberen Malm Gamma 1 und dem unteren Malm Gamma 2 aufgestellt worden. Als Arten hat Atrops aufgestellt: Ataxioceras (Schneidia) guilherandense, A. (Schneidia) elmii, A. (Schneidia) collignoni, A. (Schneidia) fontannesi und A. (Schneidia) lussasense.

 

Als Typart hat Atrops Schneidia collignoni gewählt. Bei dem auf Tafel 23, Figur 2 abgebildeten Exemplar ohne Mundsaumerhaltung handelt es sich meiner Meinung nach um einen – ohne Kenntnis der Variationsbreite - unbestimmbaren Perisphinctiden aus der Gruppe der Subdiscosphincten. Obwohl der Mundsaum nicht erhalten ist, beträgt die Wohnkammer bereits einen Umgang. Vermutlich handelt es sich bei dem Stück um die Jugendform eines im ausgewachsenen Zustand großwüchsigen Makrokonchs. Warum Atrops nicht Schneidia elmii als Typusart genommen hat, verstehe ich nicht. Das auf Tafel 4, Fig. 2 abgebildete Exemplar ist nicht nur sehr gut erhalten, sondern mit dem kompletten Mundsaum überliefert. Aufgrund der nicht einwandfrei möglichen Zuordung der Typusart Schneidia collignoni und zudem deutlichen Übergängen aller Schneidien zu den frühen Parataxioceraten betrachte ich Schneidia als jüngeres Synonym.

 

Anmerkung zu einigen Artbezeichnungen von Atrops: Atrops hat in seiner Arbeit 1982 zahlreiche neue Gattungen, Untergattungen und Arten aufgestellt. Nach intensivem Studium in der älteren Literatur bin ich mir nicht sicher, ob alle einer kritischen Überprüfung standhalten. So hat beispielsweise sein Parataxioceras hippolytense große Ähnlichkeit mit Parataxioceras latifasciculatum, seine Ardescia schaireri erinnert an Parataxioceras paraboliferum GEYER und bei Ardescia enayi könnte es sich um die Form handeln, die Wegele bereits 1929 als Perisphinctes virgatoides beschrieben hat und die heute als Ardescia virgatoides zu benennen wäre.

 

?

 

Meine Schlüsse

  1. Die Gattung Olorizia widerlegt Vermutungen, dass Vertreter der Ataxioceraten im Laufe der Evolution immer kompliziertere Rippenspaltungen entwickelt hätten. Es scheint vielmehr so gewesen zu sein, dass diese Exoten relativ spontan aufgetreten sind – Bsp. Olorizia (Platynota-Zone, Guilherandense-Subzone) in Nordost Spanien; Parataxioceras pseudoeffrenatum (Hypselocyclum-Zone, Hippolytense-Subzone, Guembeli-Horizont) in Franken – um dann wieder von relativ konservativ berippten Formen der gleichen Gattung abgelöst worden zu sein.
  2. Die Entwicklung der frühen Ataxioceraten vollzieht sich nach meinen Beobachtungen im Fränkischen Oberjura kontinuierlich in der groben Reihenfolge – Orthosphinctes (Orthosphinctes) cf. polygyratus (m) und Orthosphinctes (Lithacosphinctes) evolutus (M) (Planula-Zone, Galar-Subzone) – Orthosphinctes (Orthosphinctes) polygyratus (m) – Orthosphinctes (Lithacosphinctes) evolutus (M) (Platynota-Zone, Polygyratus-Subzone) – Orthosphinctes (Ardescia) desmoides (m) – Orthosphinctes (Lithacosphinctes) pseudoachilles (M) (Platynota-Zone, Desmoides-Subzone) – Ataxioceras (Pataraxioceras) guilherandense (m) + Ataxioceras (Parataxioceras) schaireri (m) und Ataxioceras (Ataxioceras) striatellum (Platynota-Zone, Guilherandense-Subzone) – Ataxioceras (Parataxioceras) pseudoeffrenatum (m) – Ataxioceras cf. complanatum (M) (Hypselocyclum-Zone, Hippolytense-Subzone)
  3. Sowohl makro- als auch mikronche Ataxioceraten können in ihrem Jugendstadium ein mehr oder weniger engnabeliges Stadium (vergl. "Schneidia") ausbilden. Im Reifezustand wird der Nabel jedoch bei allen mir bekannten Exemplaren wieder deutlich weiter. Innenwindungen und Jugendexemplare erwecken deshalb leicht den Eindruck artlicher Selbstständigkeit.
Literaturauswahl:


Atrops, F. (1982): La sous-familie des Ataxioceratinae (Ammonitina) dans le Kimmeridgien inférieur du sud-est de la France. Systématique, Évolution, Chronostratigraphie des genres Orthosphinctes et Ataxioceras. - Docum. Lab. Géol. Lyon, 83


Geyer, O. F. (1961 c): Monographie der Perisphinctidae des unteren Unterkimeridgium (Weisser Jura Gamma, Badenerschichten) im süddeutschen Jura. - Palaeontographica, A 116; Stuttgart


Moliner, L. & Olóriz, F. (2009): Correlation potential of the Upper Jurassic (lower Kimmeridgian) Platynota Chronozone deposits in nordeastern Spain – GFF, 131: 1-2, S. 205-213


Schlampp. V. (2009): Neue Banknummerierung für den Malm Gamma 1 im Steinbruch Gräfenberg – Der Aufschluss, 60, S. 335–344; Heidelberg


Schneid, Th. (1944): Über Ataxioceraten des nördlichen Franckenjura. - Palaeontographica, Abt. A 96, S. 1-43; Stuttgart.