Oberer Jura (Malm)

Schwämme aus dem Oberjura Süddeutschlands

Oftmals lassen Sammler, die es auf schöne und gut erhaltene Ammoniten, Muscheln und Gastropoden abgesehen haben, einen ganz wesentlichen Bestandteil der jurassischen Meeresfauna unbeachtet liegen: Schwämme, deren vielfältige Formen, reizvolle Besonderheiten und wichtige Aufgabe in den Meeresbiotopen erst auf den zweiten Blick ins Auge fallen.

In der Schwäbischen und Fränkischen Alb gibt es vor allem im Oberjura an vielen Orten uneben-bröckelige Ablagerungen, die nicht in das gewohnte Bild der gut geschichteten Kalk- und Mergelbänke passen. Wer über die Felder der Albhochflächen wandert, dem fallen an vielen Stellen die kleinen und größeren Gesteinsbrocken im Ackerboden auf. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich die „Steine“ oft als Schwämme, deren Reste einen großen Teil des Meeressediments bilden. Ihre Formen gleichen Tellern, Schüsseln, Trichtern, Bechern oder Zylindern. Dort wo sich die Schwämme manchmal in wahren Massen finden, bot der Meeresboden einer Vielzahl von Tieren Lebensraum und Schutz. Besonders für Brachiopoden, Seeigel und Seelilien, seltener dagegen Ammoniten bildeten die Schwammrasen ein ideales Ökosystem mit einem großen Nahrungsangebot.

 

 

 

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Abb. 1:  Die beschriebenen Fundstellen in der Schwäbischen und Fränkischen Alb
 
Im Folgenden werden Kalk- und Kieselschwämme des Oberjura aus dem Unteren Oxfordium von Ortspitz (Lks. Forchheim), aus dem Unteren und Mittleren Kimmeridgium von Drackenstein (Lks. Göppingen), Dirgenheim (Lks. Ostalbkreis) und Kälberberg (Lks. Bamberg) sowie aus dem Oberen Kimmeridgium von Gerstetten und Schnaitheim (beide Lks. Heidenheim) beschrieben (Abb. 1).

 

 

 

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Abb. 2: Aufbau eines Schwamms. Links: Ein Tremadictyon aus dem Oberen Kimmeridgium bei Gerstetten.

Schwämme sind aus drei verschiedenen Zellarten aufgebaut: Pinacozyten oder Epithelzellen, Choanozyten oder Kragengeißelzellen sowie Amoebocyten. Die zahlreichen „Löcher“ in den Schwammwänden sind Poren (Ostia), durch die über die Kragengeißelzellen Wasser durch feine Kanäle in den Hohlraum zwischen den Wänden gespült wird. Dieses Wasser tritt durch eine Öffnung am oberen Ende des Schwamms, das Osculum, wieder aus. Schwämme sind fest mit dem Boden verbunden und der Schwammkörper wird durch Skelettnadeln gestützt. Diese werden aus Spongin, Kieselsäure oder Calzit gebildet. Täglich können Schwämme ein Zigtausendfaches ihrer eigenen Körpermasse an Wasser „einsaugen“ und wieder ausstrudeln. Auf diese Weise filtern sie Nahrungspartikel aus dem Wasser heraus.

 

 

 

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Abb.3: Hyalotragos pezizoides (GOLDFUSS). 1,8 cm.

 

 

 

Hyalotragos pezizoides (Abb. 3) besteht aus einem schüsselförmigen Schwammkörper mit weiter Zentralhöhle und einem kurzen, aber kräftigen Stiel. Seine Oberfläche ist runzelig, der Hohlraum nur wenig eingetieft. Das abgebildete Exemplar stammt von Ortspitz im Lks. Forchheim, wo entlang einer Straße Mergel des Unteren Oxfordiums aufgeschlossen sind. In der reichhaltigen fossilen Fauna finden sich auch Reste von anderen Schwämmen, von Seeigeln, Seelilien und Brachiopoden. Von MUENSTER wurde Hyalotragos pezizoides als Hyalotragos rigosum beschrieben. Der Schwamm gehört zur Klasse der Demospongea und zur Ordnung der Spirosclerophorida. Demospongea verfügen über kieselige Skelettnadeln mit dreieckigem Axialkanal. Sie sind die einzige Ordnung mit Süßwasserschwämmen.

 

 

 

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Abb. 4: Hyalotragos patella (GOLDFUSS). 8,1 cm.

 

 

 

Hyalotragos patella (Abb. 4) ist ein weiterer Vertreter der Ordnung Spirosclerophorida. Das Expemlar wurde in einem ausgetrockneten Bachlauf im Unteren Kimmeridgium bei Drackenstein im Lks. Göppingen aufgesammelt. Bei der Fundstelle handelt es um ein Beispiel der Verzahnung eines kleinen Schwammriffstotzens mit einer Mergelbank. Die Bank weist eine äußerst reichhaltige fossile Fauna mit Schwämmen, Seeigelstacheln, Brachiopoden, Belemniten und Ammoniten auf. Hyalotragos patella besitzt einen abgeflachten bis schüsselförmigen Schwammkörper mit weitem Osculum. In dieses münden die senkrecht den Schwamm durchziehenden Kanäle. Der Schwamm hat einen kräftigen kurzen Stiel und eine runzelige Oberfläche. Die Runzeln sind konzentrisch angeordnet. Die Zentralhöhle ist nur wenig eingetieft.

 

 

 

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Abb. 5: Cnemidiastrum rimulosum (GOLDFUSS). 7,5 cm.

 

 

 

Das Cnemidiastrum rimulosum (Abb. 5) stammt von derselben Fundstelle bei Drackenstein und gehört zur Klasse der Demospongea und Ordnung der Spirosclerophorida. Der schüsselförmige Schwamm hat eine meridional gefurchte Oberfläche mit feinen Radialkanälen. Das Osculum ist meist trichterförmig.

 

 

 

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Abb. 6: Epitheles rotula (QUENSTEDT). 0,7 cm.

Epitheles rotula gehört zu den kleinsten Schwämmen, die sich im Oberjura finden lassen. Die abgebildeten Exemplare stammen aus der genannten Fundstelle bei Drackenstein und gehören ebenfalls zu den Demospongien, jedoch zur Ordnung der Agelosida.

 

 

 

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Abb. 7: Verrucocoelia bipartita (QUENSTEDT). 1,8 cm.

 

 

 

Verrucocoelia bipartita (Abb. 7) ist ein Vertreter der Silicispongea und gehört zur Klasse der Hexactinellida (Glasschwämme) und Ordnung der Hexactinosa. Der Schwammkörper der Hexactinellida wird durch sechsstrahlige Skelettnadeln aus Siliciumdioxid gestützt.

 

 

 

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Abb. 8: Verrucocoelia gregaria (QUENSTEDT). 2,5 cm.

 

 

 

Die abgebildete Verrucocoelia gregaria fand sich in einer bei dem Meteoriteneinschlag im Nördlinger Ries ausgeworfenen Oberjura-Scholle bei Dirgenheim im Ostalbkreis. Das äußerst fossilreiche Gestein aus dem Unteren Kimmeridgium enthält neben Schwämmen auch kleine Ammoniten, Seeigelstacheln und Brachiopoden.

 

 

 

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Abb. 9: Craticularia cylindritexta (QUENSTEDT). 3,3 cm.

 

 

 

Craticularia cylindritexta gehört zu den Hexactinosa. Das Exemplar in Abb. 9 stammt ebenfalls von Dirgenheim. Craticularia cylindritexta ist becher- bis zylinderförmig. Die kleinen rundlichen Kanalmündungen sind in Reihen angeordnet. Das runde oder ovale Osculum ist relativ groß. GOLDFUSS beschreibt die Spezies als Craticularia parallela.

 

 

 

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Abb. 10: Craticularia cylindritexta aus dem Unteren Kimmeridgium von Drackenstein. 4,0 cm.

 

 

 

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Abb. 11: Craticularia cylindritexta aus dem Mittleren Kimmeridgium von Kälberberg. 8,2 cm.

Die Craticularia cylindritexta in Abb. 11 wurde bei Kälberberg im Lks. Bamberg gefunden. Die Lokalität ist bekannt für ihre fossilhaltigen Ackerböden, die dem Unteren und Mittleren Kimmeridgium zugeordnet werden. Auch hier liegt das Gestein in Schwammfazies anstelle der Bankfazies vor.

 

 

 

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Abb. 12:  Craticularia cylindritexta vom Kälberberg (vergrößert).

 

 

 

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Abb. 13: Peronidella radiciformis (QUENSTEDT) oder Peronidella cylindrica (GOLDFUSS). Links: Dirgenheim (3,3 cm). Rechts: Kälberberg (2,3 cm).

 

 

 

Die beiden Exemplare aus der Gattung Peronidella (Abb. 13) ließen sich vom Autor nicht eindeutig einer Spezies zuordnen. Sie gehören zu den Silicispongien, Ordnung Calcarea. Ihre runden Oscula sind röhrenförmig und reichen bis zur Schwammbasis hinab. Die Schwammoberfläche ist relativ glatt und porös. Im Fasergeflecht ist kein Kanalsystem erkennbar.

 

 

 

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Abb. 14: Cypellia dolosa (QUENSTEDT). 2,3 cm.

 

 

 

Die beiden Cypellien (Abb. 14) wurden aus der Dirgenheimer Oberjura-Scholle aufgelesen. Sie gehören zu den Silicispongia, zur Klasse der Hexactinellida und Ordnung der Lychniscosa. Der Schwammkörper ist mützenförmig und hat eine runzelige Oberfläche mit unregelmäßig angeordneten, gekrümmten Kanälen.

 

 

 

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Abb. 15: Tremadictyon reticulatum (GOLDFUSS). 6,6 cm.

 

 

 

Tremadictyon reticulatum wird zu den Hexactinellida gezählt. Das Exemplar auf Abb. 15 fand sich im oberjurassischen Korallenriff bei Gerstetten im Lks. Heidenheim. Die Äcker rund um Gerstetten sind berühmt für ihre reichhaltige Korallenfauna. Wie die Korallen lassen sich auch die verkieselten Schwämme gut mit Säure aus dem Gestein herausätzen. Das großwüchsige Tremadictyon reticulatum ist becherförmig und verfügt über einen stattlichen runden Hohlraum mit verdickter Basis. Auf den Außenwänden finden sich zahlreiche Ostia in alternierenden Reihen. Die Korallenriffe bei Gerstetten gehen auf die zunehmende Verflachung des Meeres im höheren Oberjura zurück und bestehen aus Riffschuttmaterial. Sie enthalten eine reiche Kleinfauna mit Seeigeln, Seelilien und Brachiopoden, jedoch nur selten Ammoniten.

 

 

 

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Abb. 16: Corynella quenstedti (ZITTEL). 3,4 cm.

 

 

 

Bei Schnaitheim im Lks. Heidenheim bildete sich im höheren Oberjura der Brenztal-Trümmerkalk. Das gelbliche und grobkristalline Gestein besteht vorwiegend aus Fragmenten (Trümmern) von Seelilien, Seeigeln, Brachiopoden und Muscheln. Es finden sich aber auch zahlreiche Schwämme wie die Corynella quenstedti in Abb. 16. Ihr Hohlraum ist tief und trichter- bis röhrenförmig. Corynella gehört zur Klasse der Calcarea und Ordnung der Calcaronea.

 

 

 

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Abb. 17: Stellispongia glomerata (QUENSTEDT). 3,8 cm.

 

 

 

Stellispongia glomerata (Abb. 17) zählt ebenfalls zur Klasse der Calcarea, jedoch zur Ordnung der Stellispongiida. Der Schwamm hat eine halbkugelige Form und bildet häufig Kolonien. Seine Oberseite ist gewölbt, der Hohlraum von radial verlaufenden Kanälen umgeben. Gefunden wurde der abgebildete Schwamm auf einem Feld im Trümmerkalk bei Schnaitheim.

 

 

 

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Abb. 18: Stellispongia semicincta (QUENSTEDT). 2,2 cm.

 

 

 

Auch die Stellispongia semicincta in Abb. 18 stammt aus Schnaitheim. Während Stellispongia glomerata auf den dortigen Feldern zu den häufigsten Schwammarten gehört, konnte der Autor von der Spezies Stellispongia semicincta bislang nur ein einziges Exemplar aufsammeln.

 

 

 

Literatur

FRAAS, Eberhard: Der Petrefaktensammler, Stuttgart 1910.

QUENSTEDT, Friedrich August: Der Jura. Fotomechanischer Nachdruck der Erstausgabe von 1858, Korb 1995.

REIFF, Winfried: Erläuterungen zum Blatt 7326 Heidenheim der Geologischen Karte von Baden-Württemberg, Freiburg 2004.

RICHTER, Andreas E.: Handbuch des Fossiliensammlers, Stuttgart 1981.

RICHTER, Andreas E.: Geoführer Frankenjura, Augsburg 2000.

SCHWEIGERT, Günter: Riffe im Weißen Jura der Schwäbischen Alb, in : LEINFELDER, Reinhold – KULL, Ulrich – BRÜMMER, Franz (Hrsg.): Profil, Bd. 13: Riffe – ein  faszinierendes Thema für den Schulunterricht, Stuttgart 1998, S. 49-55.

ZIEGLER, Bernhard: Der Weiß Jura der Schwäbischen Alb. Stuttgarter Beiträge zur Naturkunde, Serie C Heft 23, Stuttgart, 2. Aufl. 1995.