Oberer Jura

Bestachelte Seeigel aus dem Oberjura der Charente-Maritime (1. bis 5. Teil), letzte Ergänzung der Serie am 4.10.2019

Im März 2019 hatte ich im Artikel „Transferpräparation eines Pseudocidaris mammosa mit Stachelkranz aus Frankreich“ die Freilegung eines regulären Seeigels von der Küste des westfranzösischen Departements Charente-Maritime vorgestellt. Zwischenzeitlich habe ich sieben weitere Seeigel vom selben Küstenfundpunkt fertigpräpariert, von dem auch der besagte Pseudocidaris stammte. Die Suche dort beschränkt sich auf Auflesen, während Grabungen im Kliff oder das Zerklopfen von großen Gesteinsbrocken verboten sind.
Vor und während der Präparation der Seeigel machte ich jeweils Fotos, sodass der Vorherzustand und einige Zwischenstände dokumentiert sind, die nochmals unterstreichen sollen, dass das relativ schwierig zu präparierende Material selbst bei auf den ersten Blick hoffnungslos erscheinenden Ausgangszuständen noch gerettet werden kann und ansehnliche wie auch instruktive Exponate entstehen. Kleineren Abstrichen bei der Erhaltungsqualität der Fossilien steht die Tatsache gegenüber, dass reguläre Seeigel mit in situ überlieferter Bestachelung zumindest bei uns in Deutschland sehr selten vorkommen. Auch weltweit ist die Anzahl entsprechender Vorkommen relativ begrenzt, sodass jedes bestachtelte Einzelstück Wertschätzung verdient.

An dieser Stelle erscheinen in den kommenden Wochen insgesamt sieben kurze Präparationsdokumentationen, die als Teil 1 bis 7 zu einem Gesamtartikel zusammenfließen sollen – doch genug des Theoretisierens, beginnen wir mit dem 1. Teil:


1. Teil: Präparation eines Acrocidaris nobilis

Viele Sammler pflegen eine kleine Halde im Garten, die meist aus Abraum vom Präparieren oder minderwertigen Stücken besteht, vielleicht auch aus solchen, die auswittern sollen oder nur der Zierde dienen. Der Acrocidaris, dessen Präparation nachfolgend dargestellt wird, entstammt einer solchen Gartenhalde. Es nimmt nicht wunder, dass er dort landete, denn besonders toll sieht das Exemplar tatsächlich nicht aus: die Kapsel ist kaputt und die Stacheln sind beschädigt – naja.

 

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Abb. 1 a und b: Das Foto wechselt nach einigen Sekunden: die roten Striche markieren das Coronenfragment und die Stacheln. Fortgeschrittene Sammler bedürfen sicherlich keiner solchen Interpretationshilfe, jedoch ist diese für Neueinsteiger eventuell nützlich – man hätte sonst als Bildunterschrift nämlich auch den alten Spruch „Wie Sie sehen, sehen Sie nichts.“ wählen können.

 

Die in Abb. 1 sichtbare Seite bietet leider kaum Potenzial. Daher fällt der Entschluss, das Stück von der anderen Seite zu präparieren. Zu diesem Zweck wird die freiliegende Seite mit einem Stück Matrix von der Fundstelle verstärkt, das mit einer Mischung aus Kleber und Gesteinsmehl befestigt wird. Dieses Vorgehen dient dazu, später im Verlauf der Präparation der Schauseite überhaupt noch eine Matrix zu haben.
Nach Fertigstellung der Klebearbeiten und Härten des Klebers, geht es einige Zeit später von der anderen Seite mit der eigentlichen Präparation los und dem Fossil an den Kragen. Zunächst einem schon partiell sichtbaren Stachel folgend, tun sich immer mehr Stacheln auf. Da man die genaue Lage bestenfalls erahnen kann, muss man sehr aufpassen, dass Fossil nicht zu treffen, zumal das Gestein förmlich am kalzitischen Fossil „klebt“ und nur sehr schlecht trennt.

 

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Abb. 2: Die Stacheln kommen förmlich „aus dem Nichts“ zum Vorschein, liegen aber immerhin ziemlich in Reih und Glied, was die Orientierung bei der Präparation etwas vereinfacht. Dennoch ist zu diesem Zeitpunkt klar, dass noch reichlich Arbeit mit der Nadel bevorsteht, bevor das Stück in der Vitrine Platz finden kann.

 

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Abb. 3: Die Stufe verfügt inzwischen dank Banschleifer über eine plane Standfläche.

 

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Abb. 5: Nach einem ersten Gang mit der Nadel lässt sich die Gesamtoptik des fertigen Exponats nun bereits gut erahnen. Es geht nur noch um Details. Einiges an Fleißarbeit steht allerdings noch bevor.

Einige Nadeleinheiten später erfolgt nochmals ein letzter Gang, die Matrix um die Stacheln herum wird etwas „getrimmt“, dann gewaschen und nach dem Trocknen wird fixiert. Dafür, dass es eigentlich nur ein Probestück sein sollte, ist das Resultat letztlich dann doch recht nett geworden.

 

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Abb: 6: Das Resultat der Präparation. Foto vergrößern.

 

 

Angaben zum Fossil im Überblick:

 

Fossil: Acrocidaris nobilis

Größe: maximale Breite 6 cm

 

Stratigrafie: Oberer Jura, Kimmeridgium

Fundgebiet: Charente Maritime

 


 

2. Teil: Ein weiterer Acrocidaris nobilis

 

Auch dieses Exemplar entstammt der oben erwähnten Halde im Garten eines Sammlers und wurde ursprünglich an der Küste des Departements Charente-Maritime geborgen.

Wie schon beim ersten Seeigel ist die Ausgangslage auch in diesem Fall nicht berauschend. Man erkennt Reste der Kapsel, ein paar Stacheln sowie ein paar Stachelwarzen (Abb. 7).

 

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Abb. 7

 

Es wird zunächst etwas an der Seite des Steins mit den schon sichtbaren Fossilteilen herumgestochert, wobei ein weiterer Stachel zum Vorschein kommt (Abb. 8).

 

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Abb. 8

 

Danach wird probehalber vorsichtig „um die Ecke“ gebuddelt, wobei ich feststelle, dass es dort besser aussieht (Abb. 9).

 

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Abb. 9

 

Da mir das Glück schon einmal bei solch einer Aktion hold war, fällt der Entschluss nicht mehr schwer, auch dieses Stück von der „Rückseite“ anzugehen. Um dieses Vorhaben in die Tat umsetzen zu können, gilt es einen Trägerstein passend vorzubereiten. Nachdem ein Gesteinsstück vom Fundort ausgewählt wurde, wird in dieses mit dem Druckluftstichel eine Mulde zur Aufnahme des Fossils eingearbeitet (Abb. 10). Ziel dabei ist es, Corona und Stacheln möglichst passgenau einzusetzen, um am Ende so viel originale und so wenig künstliche (aus Gesteinskomponenten und Kleber zusammengemengte) Matrix wie möglich als Trägerfläche des Seeigels zu haben. Hierfür sind immer wieder Passproben und entsprechende Nacharbeiten nötig, bis die Fuge zwischen Fossil und Gestein eine vertretbare Stärke hat.

 

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Abb. 10

 

Die verbleibende Fuge wird mit grob gemahlenem Gesteinsmehl und Kleber verschlossen (Abb. 11).

 

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Abb. 11: Der Pfiel markiert den Aufbau aus Kleber und Gesteinsmehl.

 

Dann wird die Standfläche auf dem Bandschleifer gesetzt und anschließend auch mit dem Druckluftstichel noch eine Menge Staub produziert. Immerhin gewinnt der Seeigel hierbei an Gestalt. Zwischendurch müssen Gestein und Fossil gewaschen werden, damit man nicht aus den Augen verliert, wo man mit dem Stichel unterwegs ist. So geht es Stück für Stück vorwärts (Abb. 12).

 

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Abb. 12

 

Direkt über der Kapsel stoße ich leider wieder auf Kalk, der flächendeckend zäh am Fossil haftet. Nicht immer lässt er sich ohne Schaden entfernen. Insgesamt lässt das Zwischenresultat bereits erkennen, dass sich die Fertigstellung des Exponats lohnen wird (Abb. 13).

 

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Abb. 13

 

Am Ende wird noch der quer liegende Stachel von seinem Sockel befreit (Abb. 14).

 

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Abb. 14: Noch haftet Gestein an einem schräg über den anderen Stacheln liegenden Stachel.

 

Gegenüber der Ausgangslage ist das Teil recht ansehnlich geworden. Es braucht sich nun nicht mehr zu verstecken, wie Abb. 15 zeigt.

 

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Abb. 15: Foto kann vergrößert werden.

 

 

Angaben zum Fossil im Überblick:

Fossil: Acrocidaris nobilis

Größe: maximale Breite mit Stacheln 9,7 cm

Stratigrafie: Oberer Jura, Kimmeridgium

Fundgebiet: Charente Maritime

 

 


 

3. Teil: Präparation eines Balanocidaris marginata

Beim dritten Seeigel handelt es sich um einen Balanocidaris mit Resten der Bestachelung in situ. Bereits vom vorherigen Besitzer anpräpariert, vermittelt auch dieses Stück zunächst nicht unbedingt den Charme eines nicht erkannten Schatzes. Ein Interambulakralfeld der Corona ist stark angegriffen und die sichtbaren Stacheln leider alle ziemlich nah an der Basis des Stachelschafts abgebrochen.

 

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Abb. 16

 

Nach der Sichtung und ersten Überlegungen, wie das Stück am besten in Szene gesetzt werden kann, wird erst einmal gestichelt und dann am Bandschleifer formatiert. Der Stein wird in diesem Zuge immer kleiner, das Stück gleichzeitig jedoch attraktiver, denn es zeigen sich beim Sticheln nach und nach mehrere intakte Stacheln, die zuvor in der Matrix verborgen waren.

 

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Abb. 17

 

Dann geht es wieder an Stichel und Nadel. Zwischendurch wird das Stück immer wieder von Staub befreit, um sich besser am Objekt orientieren zu können.

 

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Abb. 18

 

Zwischendurch wird hin und wieder ein Binokular zur Hilfe genommen. Und siehe da: es taucht noch ein weiterer Stachel auf. Ein kurzes(!) Bad in verdünnter Essigsäure bildet den Abschluss. Ein kritischer Kontrollblick ergibt die Erkenntnis, dass man das erst einmal so belassen kann. Einzig das Stück zu strahlen, würde noch etwas bringen.

 

 

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Abb. 19

 

 

Angaben zum Fossil im Überblick:

Fossil: Balanocidaris marginata

Größe: max. Breite 6,5 cm (zwischen den Stacheln)

Stratigrafie: Oberer Jura, Kimmeridgium

Fundgebiet: Charente Maritime

 


 

4. Teil: Präparation eines weiteren Balanocidaris marginata

Der Rohling des vierten Seeigels sah maximal unansehnlich aus. Hätte man die Möglichkeit dazu, selbst des Öfteren direkt an der Fundstelle zu sammeln, wäre das Fossil vielleicht in hohem Bogen weit in die Fluten bugsiert worden. Da Westfrankreich aber recht weit weg ist, verwendet man eben das, was man bekommen hat und probiert aus, was noch zu retten ist. Das große Manko im vorliegenden Fall ist die kaputte Kapsel. Da fehlt schon reichlich Substanz, aber man sieht immerhin rundherum einige Stacheln.

 

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Abb. 20

 

Die Arbeit beginnt damit, dass die Fehlstelle verschlossen werden muss. Dies passiert in bewährter Manier mit Steinmehl und Klebstoff. Dann geht es von der anderen Seite heran an den Speck. Mit Nadel und Stichel wird erstmal eine Menge Material pulverisiert, dass Corona und Stacheln überdeckt. Immer mal wieder wird das Stück im Waschbecken vom Staub des Stichelns befreit. Dann sieht man klarer und Stichel und Nadel können wieder gezielter angesetzt werden, wo es noch nötig ist. Allmählich erkennt man in dieser Phase bereits, worauf es hinausläuft, wenngleich im Einzelnen noch viel zu tun ist, um die Corona richtig freizulegen.

 

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Abb. 21

 

Weitere Nadelorgien und Waschgänge werden noch nötig sein, aber das Stück entwickelt sich besser als gedacht und erste Stachelwarzen kommen zum Vorschein.

 

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Abb. 22

 

Nun muss zunächst auf der Rückseite an der Basis ein Stein „angeflanscht“ werden, damit man das Stück später angemessen präsentieren kann, denn es fehlt rückseitig doch so einiges an Fossilsubstanz. Zudem ist ein solcher Seeigel mit Stachelkranz auch ungleich schöner anzusehen, wenn er ohne Plastikständer präsentiert wird. Verwendet wird auch in diesem Fall wieder ein Abfallstein von der Fundlokalität.

Das Gestein auf der Kapsel klebt derartig, dass man über Strahlen oder Chemie nachdenken muss – mangels direkter Verfügbarkeit eines Strahlers, kam erst einmal nur Chemie ist der erste Versuch. Verdünnte Essigsäure schafft einiges, aber lange nicht alles. Vorerst muss es dabei bleiben:

 

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Abb. 23

 

Rückblickend betrachtet wäre dieses Stück dann doch zu schade dazu gewesen, es dem Atlantik zu überantworten.

 

Angaben zum Fossil im Überblick:

Fossil: Balanocidaris marginata

Größe: max. Breite mit Stacheln 7 cm

Stratigrafie: Oberer Jura, Kimmeridgium

Fundort: Charente Maritime

 


 

5. Teil: Präparation eines dritten Balanocidaris marginata

 

Im fünften Teil der Serie geht es erneut um einen Seeigel der Art Balanocidaris marginata. Dieser Bericht wird leider zeigen, wie leicht beim Präparieren etwas gehörig schiefgehen kann, wenn man die Lage eines Fossils im Gestein falsch einschätzt.

Auch dieser cidaride Seeigel ist wiederum ein Strandfund. So wie es anfänglich aussieht, ist er eher dritte Wahl. Der Stein ist handlich und vom Meer gerundet. Das annähernd kreisförmige Loch (Abb. 25) interpretierte ich auf die Schnelle als durch die Brandung etwas in Mitleidenschaft gezogene Oralöffnung.

 

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Abb. 24

 

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Abb. 25: Die vermeintliche Oralöffnung.

 

Beim Sticheln und beim Arbeiten mit Nadeln im Umfeld des Lochs finden sich bald die ersten Stacheln. Nun entscheide ich mich, den Stein erst einmal zu formatieren und mit einer Standfläche zu versehen. Da es eine Zeit fressende Angelegenheit gewesen wäre, all dies mit Nadel und Stichel zu machen, setze ich einen Bandschleifer ein. Schließlich ist ansich klar wie das Fossil liegt, da kann man eine Menge Zeit sparen und erhält zudem eine wirklich plane Fläche.

 

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Abb. 26

 

Das Desaster offenbart sich dann später, denn auf der Rückseite wurden beim Schleifen einige Stacheln rasiert!

Der Igel zeigte mit dem Loch nämlich nicht wie von mir angenommen die Oralseite. Es war vielmehr eine große, Stachelwarze wegerodiert unter der eine Kaverne im Gehäuse zum Vorschein gekommen war. Der Seeigel lag also völlig anders als gedacht, somit war die Standfläche viel zu nah am Fossil angelegt bzw. zum Teil im Fossil selbst. So ein Mist, wenn man nicht genau hinschaut! Der Ärger ist groß, aber es hilft alles nichts. Es stellt sich die Frage, was nun noch zu retten ist. Die einzelnen Stacheln beziehungsweise das was noch von ihnen übrig ist, werden freigelegt. Es wird klar, dass dieser Seeigel ein traumhaftes Teil hätte werden können. Es liegt eine nahezu unverdrückte Kapsel mit schön dreidimensional im Raum frei stehenden Stacheln vor, ganz wie bei einem lebendigen rezenten Seeigel.

 

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Abb. 27

 

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Abb. 28

 

Es wird zwecks Freistellens des Seeigels immer mehr Gestein entfernt. Das Stück verliert dadurch zwar zunehmend an Stabilität, gewinnt aber an Attraktivität. Ein Minimum an Stabilität kann nur durch vereinzelte Stege zwischen den Stacheln gewährleistet werden.

 

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Abb. 29

 

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Abb. 30

 

Dann passiert es. Die mittlerweile fast vollständig von der Matrix isolierte Kapsel nebst der meisten anhaftenden Stacheln beziehungsweise deren Resten löst sich aus dem Verbund. Nun wird lose in der Hand weitergemacht, was den Zugang zu einigen Bereichen des Seeigels verbessert. Ich nehme immer mehr Gestein weg. Zwischendurch bricht hin und wieder ein Stachel ab und muss wieder angeklebt werden. Vorsichtiges Abwaschen zwischen den jeweiligen Arbeitsschritten verbessert die Sicht aufs mittlerweile trotz allem doch recht ansehnliche Fossil.

Bevor der Seeigel zurück auf seine Matrix geklebt wird, wird die Standfläche umgestellt, die anfänglich ja auf eine ganz andere vermutete Lage des Gehäuses ausgerichtet worden war. Hierzu werden geschliffene Flächen künstlich aufgeraut, um wenigstens annähernd das Bild einer natürlichen Bruchfläche wiederherzustellen.

Dann wird die Kapsel wieder an ihren ursprünglichen Platz verbracht. Nun hieß es noch, die Klebestellen zu versäubern, alles abzuwaschen und wieder trocknen zu lassen. Nach all diesen Arbeiten zeigen sich inzwischen die in situ vorliegenden Mundwerkzeuge. Was hätte das für ein Traumstück werden können! So ein Missgeschick passiert mir nicht wieder.

Das Stück bleibt erst einmal so wie auf den folgenden Abbildungen (Abb. 3135), bis ich mal wieder Zugang zu einem Feinstrahlgerät habe.

 

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Abb. 31: Gesamtansicht auf Matrix.

 

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Abb. 32

 

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Abb. 33: Gesamtansicht aus anderer Perspektive.

 

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Abb. 34

 

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Abb. 35

 

 

Angaben zum Fossil im Überblick:

Fossil: Balanocidaris marginata

Größe: max. Breite 6 cm

Stratigrafie: Oberer Jura, Kimmeridgium

Fundgebiet: Charente Maritime

 

 

Udo Resch für Steinkern.de


 

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