Mittlerer Jura (Dogger)

Belemniten des Sengenthaler Calloviums

In den Jahren 2008/2009 war es mir vergönnt mit Matthias Weißmüller zweimal die Grube Sengenthal besuchen zu können. Nicht um in den eisenoolithischen Mergeln des Bajoc und Bathon zu sammeln, sondern in den tonigen bröckeligen Sedimenten des im wahrsten Sinne des Wortes hangenden Calloviums (Bild 1).

Bild1_Sengenthal.jpg
Bild 1

In einer ausgewaschenen Rinne des Hanges konnten diverse Belemnitenrostren geborgen werden (Bild 2).

bild2.jpg
Bild 2

Die Bergungszone begann rund 50 cm unterhalb der Malmgrenze des anschließenden Plateaus und zog sich weitere 200 m den Hang schräg herab. Folgen wir den Angaben von Callomon, Dietl et al. (1987: Zur Stratigraphie des Mittel- und unteren Oberjuras in Sengenthal, Stuttgarter Beitr. Naturk., Ser. B, Nr. 132) so bewegen wir uns damit in den Sedimenten des Oberen bis Mittleren Calloviums, wobei die untere Grenzziehung, da ich – mangels Messband, ‚mea culpa’ - nicht eingemessen habe, vage bleiben muss.
Schließen wir den seltenen Fund eines Cylindroteuthis puzosiana einmal aus, so waren Belemniten der Familie Belemnopseidae NAEF,1922 der Gattungen Belemnopsis BAYLE,1878 und Hibolithes DE MONTFORT,1808 zu erwarten, die phylogenetisch untereinander eng verbunden sind. Die äußere Ähnlichkeit beider Gattungen – Belemnopsisarten sind mehr hastat bis lanzenspitzenförmig, Hibolithesarten zumeist keulenförmig – erschwert die Bestimmung im Übergang Oberer Mittel-Callov zu Unterem Ober-Callov zumal dann, wenn wie hier stratigraphisch keine eindeutige Grenze festgelegt werden konnte. Einen Überblick der Gattungen und Arten der Belemnopseidae während des Calloviums zeigen Riegraf (1980: Revision der Belemniten des schwäbischen Jura, Teil 7) sowie der von mir schon oft zitierte Schlegelmilch (1998: Die Belemniten des süddeutschen Jura). Beginnen wollen wir die Reise durch die Callovium-Schichten im Oberen Mittel-Callov.
In diesem stratigraphisch tiefst gelegenen Bereich der von mir untersuchten Schichten fanden sich zwei kleine, 52 mm lange lanzenspitzenförmige Rostren mit rundlichem Querschnitt und schmalem Ventralkanal, der wenige mm vor dem verwitterten gerundet spitzen Apex endet. Ein Rostrum weist eine pathologische Verdickung in der Apikalregion auf. Die Rostren werden zu Belemnopsis aff. bessina D’ORBIGNY,1842 gestellt (Bild 3).

Bild3_Belemnopsis_aff_bessina.jpg
Bild 3

Daneben wurde ein kompakteres lanzenspitzenförmiges Rostrum von 65 mm mit ausgezogenem spitzem Apex und deutlicher dorsoventraler Kompression gefunden, dessen Ventralkanal vor dem Apex ausläuft. Hierbei handelt es sich um Belemnopsis subhastata ZIETEN,1830 (Bild 4).

Bild4_Belemnopsis_subhastata.jpg
Bild 4


Beide Arten werden gemeinhin dem Unter-Callov zugeordnet. Mithin ist entweder meine Bestimmung unkorrekt, die stratigraphische Einordnung meiner Schürfe falsch oder die vorgenannten Arten sind in Sengenthal erdgeschichtlich langlebiger als bislang angenommen.
Wenige Dezimeter darüber ergab die Suche eine Vielzahl mittelgroßer (50 mm bis 78 mm) subclavater, stark dorsoventral komprimierter Rostren mit recht breitem Ventralkanal, der kurz vor dem Apex endet oder diesen sogar erreicht (Bild 5).

Bild5_Belemnopsis_depressa.jpg
Bild 5

Des Weiteren drei große, breite Belemniten von 95 mm bis 110mm mit den Merkmalen wie vor, aber verwitterter Spitzenregion (Bild 6).

Bild6_Belemnopsis_depressa.jpg
Bild 6

Darüber hinaus fand ich einige kleinere, stumpfkeulenförmige Rostren ( 43mm – 60mm), die nicht nur einen verwitterten Apex, sondern auch eine Korrosion der Alveolarregion aufweisen (Bild 7).

Bild7_Belemnopsis_depressa.jpg
Bild 7

All diese Belemniten stelle ich zu Belemnopsis depressa QUENSTEDT,1848.
In derselben Schicht fanden sich zudem mittelgroße (50 mm bis 65 mm), schlanke, lanzenspitzen- bis spitzkeulenförmige Rostren (Bild 8) mit einem recht schmalen Ventralkanal, der 5 bis 10 mm vor dem Apex endet: Belemnopsis aff. depressa QUENSTEDT,1848 (in Riegraf, Revision, S.201).

Bild_8_Belemnopsis_aff_depressa.jpg
Bild 8

Mit ‚depressa’ verlassen wir den Bereich des Oberen Mittel-Calloviums und treten ein in den Ober-Callov mit seinen Hibolithen. Hier fanden sich mittelgroße (82 mm bis 90 mm), schlankkegel- bis lanzenspitzenförmige Rostren mit geringerer Kompression der Apikalregion als bei ‚depressa’, deshalb mit breitelliptischem Querschnitt, Hibolithes girardoti LORIOL,1902 (Bild 9), durch ihre Variationsbreite eine etwas schillernde Art.

Bild9_Hibolithes_girardoti.jpg
Bild 9

Von hier bis unterhalb der Malmgrenze konnte ich viele wunderschöne große Hibolithes semihastatus rotundus QUENSTEDT,1848 bergen, mit Längen bis 155mm (Bild 10), sowie das nur 60mm lange Spitzenfragment eines Hibolithes semihastatus semihastatus BLAINVILLE, 1827 (Bild 11).

Bild10_Hibolithes_semihastatus_rotundus.jpg
Bild 10

Bild11_Hibolithes_semihastatus_semihastatus.jpg
Bild 11

Bei der intensiven Suche nach Belemniten wurden nur zwei brauchbare Ammoniten gefunden (Bild 12), die mir Victor Schlampp dankenswerterweise als Hecticoceraten im weiteren Sinne bestimmt hat.

Bild12Ammoniten_Callov_sengenthal.jpg
Bild 12

Fotos, Sammlung & Bericht:
Carsten Rohde