Mittlerer Jura (Dogger)

Ansammlung von Brachiopoden auf einer Parkinsonia aus dem Mitteljura von Sengenthal

Vorgeschichte und erste Präparation (2008)

Es dürfte im August 2008 gewesen sein, als ich bei einem Besuch des Steinbruchs bei Winnberg/Sengenthal den vorgestellten Ammoniten im Parkinsonienoolith (Parkinsoni-Zone, Bajocium, Mittlerer Jura) fand. Jedenfalls, das sagen die zu Fotos auf meiner Festplatte archivierten Begleitinformationen aus, war ich am 15. August 2008 in Sengenthal und hatte, wie ich beim Durchsuchen des Forums feststellte, wenige Monate später einige Fotos der Präparation der Parkinsonia in den beliebten Beitrag "Klassische Fundstelle: Sengenthal – Dogger" eingestellt. An die Fundsituation erinnere ich mich nicht mehr, jedoch sehr wohl an den Sammeltag als solchen. Von der gefürchteten Sommerhitze im"Senegal" keine Spur, es gab stattdessen kräftigen Dauerregen und es war unangenehm kalt – direkt an der Schicht konnte man kaum abbauen, weil man die Keile nur unter Wasser setzen konnte, das Werkzeug war durch die Nässe außerdem viel zu glitschig, um kräftig, gezielt und gefahrlos mit dem Vorschlaghammer zuschlagen zu können. Dafür konnten aber durch den Regen Kleinfossilien auf den Halden besser gesichtet werden, na immerhin etwas! Damals lagen übrigens auch noch etwas größere Steine auf den Halden als heute, insofern waren durchaus einzelne gute Funde möglich. Beim Betrachten der alten Fotos spürt man allerdings noch heute die triefnassen Klamotten auf der Haut...

 

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Abb. 1: Die "Sengenthaler Seenplatte" am 15. August 2008 bei "Fritz-Walter-Wetter".

 

An diesem Tag muss mir auch die rund 13,5 cm große Parkinsonia ins Netz gegangen sein, mit der sich der Beitrag befasst. Bei der Präparation zeigte sich bereits im Herbst 2008, dass rückseitig eine Ansammlung rhynchonellider Brachiopoden die Stufe zierte. Damals verfügte ich erst seit relativ kurzer Zeit über einen Druckluftstichel und arbeitete noch mit einem vergleichsweise leistungsschwachen Strahlgerät. Mangelnde Erfahrung und Technik sowie ausgesprochen hartnäckige Verkrustungen auf der Oberfläche der Parkinsonia waren der Grund, warum ich mich mit dem Präparationsergebnis zufrieden gab, das Abb. 2 zeigt.

 

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Abb. 2: Die Oberfläche der Parkinsonia ist partiell verkrustet, die Matrix trägt teilweise Spuren des Spitzmeißels des Druckluftstichels. Zu dick aufgetragenes und zum Zeitpunkt der Verwendung vermutlich nicht mehr ganz farbloses Rember Steinpflegemittel sorgt für einen Gelbstich (ein bisschen liegt´s auf dem Foto auch am Kunstlicht, aber nicht nur...). Die Flüssigkeit schlägt bei zu langer Lagerung nach orange um, bis sie schließlich ein Coca Cola braun annimmt. Übrigens passiert dies unabhängig davon, ob man das Steinpflegemittel in dem Blechbehältnis lagert, in dem es werksseitig ausgeliefert wird oder ob man es in einen Glasbehälter umfüllt.

 

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Abb. 3: Stichelspuren auf der Rückseite, nach heutigem Maßstab ein doch eher wüstes Bild für eine abgeschlossene Präparation (learning by doing). Im Wirrwarr der Stichelspuren vermag nur das geübte Auge noch die zahlreichen Brachiopoden zu erkennen, die auf dem Ammoniten aufliegen. ;-)

 

Bis Herbst 2014 lag die Parkinsonia in diesem beklagenswerten, oder - positiver formuliert - überarbeitungsfähigen Zustand in meiner Sammlung. Der Ammonit als solcher zeigt bereits durch seine Anwachslinie an, dass er nicht vollständig erhalten ist. Die Wohnkammer und sogar ein kleiner Teil des Phragmokons fehlen (wie sich an verästelten Kammerscheidewänden auf der Oberfläche am Beginn der äußeren Windung festmachen lässt) – es fehlt insgesamt somit mehr als eine halbe Windung des Gehäuses - allerdings schon seit dem Bajocium. Zudem war der Ammonit einmal mittig durchgebrochen, mit gewissem Substanzverlust, und dann auch noch stark verkrustet. Im Hinblick auf den Ammoniten erschien eine Nachpräparation also nicht lohnend. Die Besonderheit des Stückes resultierte allein aus der Grabgemeinschaft mit fast einem Dutzend Brachiopoden.

Meine Idee war es, im Rahmen der Nachpräparation die bisherige Rückseite mit den Brachiopoden als neue Schauseite umzugestalten. Dieses Projekt wurde 2014 in Angriff genommen.

 

Zweite Präparation (2014)

Ich begann zunächst mit der bisherigen Schauseite des Ammoniten und strahlte den hässlichen Rember-Belag herunter. Der Ammonit nahm plötzlich eine ganz andere und viel natürlichere Farbe an, vom speckigen Glanz keine Spur mehr. Die Steinpflegeschicht war aber auch so ziemlich alles, was sich bereits durch kurzes "über den Ammoniten pusten" entfernen ließ. Danach versuchte ich Rippe für Rippe Verkrustungen dadurch zu entfernen, dass ich ihnen mit hohem Druck unter flachem Winkel zu Leibe rückte, teils mit zwischenzeitlichem Sticheln und Schaben. Das wirkt mitunter Wunder und es geht dann wieder flüssiger weiter. Ein bisschen Substanz konnte ich auf diesem Wege noch freilegen, aber für das Gesamtbild fiel der zusätzliche Freilegungserfolg vernachlässigbar gering aus. Insbesondere der zur Mündung hin gelegene Bereich der Außenwindung der Parkinsonia setzte auch Drücken jenseits von 8 bar erheblichen Widerstand entgegen – das war zu viel des Guten. Man hätte sich hier allenfalls noch mit rotierenden Werkzeugen langsam an die Schale heran arbeiten können, aber ich wähnte zu diesem Zeitpunkt der Arbeiten die künftige Rückseite des Ammoniten vor mir und man hätte noch ein paar Stunden zusätzlich investieren müssen, mit ungewissem Ausgang. Ich glättete also nur noch die Matrix, soweit dies 2008 vernachlässigt worden war, was das Bild subjektiv schon deutlich sichtbar aufbesserte. Ein Brachiopode löste sich versehentlich beim Glätten und wurde anschließend wieder an seiner Originalposition angeklebt.

 

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Abb. 4: Die Vorderseite nach Durchführung der Nachpräparation. Rechts unten hatte sich ein Brachiopode dabei gelöst. Er wurde später wieder an seiner Originalposition mit Sekundenkleber befestigt.

 

Spannender war die Arbeit an der Gegenseite mit der Brachiopodenansammlung. Hier hatte ich angestrebt, den Ammoniten ähnlich weit freizustellen und freizulegen, wie dies auf der anderen Seite bereits 2008 vorgenommen worden war. Dazu hoffte ich auf eine gute Erhaltungsqualität der Innen- und Außenwindung. Ein Brachiopodenrest und ein bei den 2008 durchgeführten Arbeiten stark beschädigter und schlecht erhaltener Brachiopode, der zudem die Innenwindungen des Ammoniten verdeckte, wurden entfernt, andere Exemplare temporär abgenommen, um mit dem Druckluftstichel und dem Strahlgerät auch die ansonsten für das Arbeiten zu verwinkelten Zwischenräume freilegen und glätten zu können. Ziel war es, möglichst viel vom Ammoniten und von den Brachiopoden freizulegen. Dies gelang auch recht ordentlich, jedoch machte dem gesamten Projekt die unerwartet schlechte Erhaltung der Außenwindung der Parkinsonia zu schaffen. Teils liegt das Fossil immerhin noch als Steinkern vor, teils verliert es sich schlichtweg im Nichts. Dies war eine negative Überraschung, denn auf der gegenüberliegenden Seite ist just in diesem Bereich die Erhaltung am besten. Es blieb mir nichts anderes übrig, als den Ammoniten etwas weniger als geplant freizustellen, so dass die Fehlstelle optisch einigermaßen unauffällig in die Matrix eintaucht. Auch das Zentrum des Ammoniten erwies sich als etwas schwächer erhalten als auf der gegenüberliegenden Seite und die Rissfuge war örtlich auch etwas breiter, als man es sich wünschen würde. Tja, weiß man´s vorher?

 

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Abb. 5: Der 13,5 cm große Ammonit aus der Parkinsoni-Zone nebst - für den Moment - nur noch drei Brachiopoden. Ich vermute, dass in Bezug auf die letztendliche Einbettung die Unterseite zu sehen ist. Allerdings ist die genaue Einbettungssituation, sprich wie herum der Ammonit om Oolith lag, mir leider nicht bekannt. Möglicherweise handelt es sich sogar um einen Haldenfund, da man an dem Tag aufgrund des miserablen Wetters kaum im Anstehenden graben konnte.

 

Das Abnehmen der Brachiopoden stellte die bestmögliche Gelegenheit dar, diese von allen Seiten zu fotografieren und sie zu bestimmen. Für Hilfe bei der Bestimmung danke ich Klaus Dobler und Jürgen Höflinger.

 

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Abb. 6: Cymatorhynchia sp., Breite 22 mm.

 

 

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Abb. 7: Laevigaterhynchia triplicosa, Breite 26 mm.

 

 

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Abb. 8: Laevigaterhynchia oppeli, Breite 25 mm.

 

 

Ich glättete nun noch die Matrix, stopfte die größte Fehlstelle und setzte die abgenommenen Brachiopoden wieder auf. Danach versiegelte ich die Oberfläche der Parkinsonia mit einer dünnen Schicht in Aceton gelöstem Mowilith, das für einen matten Glanz sorgte, aber keinen Farbstich herbeiführte.

 

 

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Abb. 9: Ventrale Ansicht des Ammoniten nebst Armfüßern.

 

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Abb. 10: Rückseite der Parkinsonia mit den nun wieder sieben Brachiopoden. Ein schlecht erhaltener Brachiopode und ein Brachiopodenrest wurden aus optischen Gründen entfernt.

 

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Abb. 11: Das Brachiopodengrab aus der Nähe betrachtet.

 

Welches nun Vorder- und welches die Rückseite in Bezug auf die Präsentation in der Vitrine ist, ist angesichts der mäßigen Erhaltung des neu freigelegten Teils schwierig zu entscheiden – es bleibt dem persönlichen Geschmack überlassen. Trotz der bescheidenen Erhaltung der Rückseite denke ich, dass die Nachpräparation zu einem insgesamt besseren Gesamtbild beigetragen hat. Allein das Glätten der Matrix macht schon einiges aus. Auch wenn mich das Ergebnis nicht vom Hocker reißt, war die aufgebrachte Zeit (einige Stunden) nicht ganz umsonst. Außerdem war mir die alte Präparation seit Jahren ein Dorn im Auge und hätte mir nie Ruhe gelassen, jetzt weiß ich wenigstens, dass der Ammonit gar nicht mehr viel mehr hergab als schon freigelegt war.

 

Vielleicht nicht schöner, aber doch interessanter – da genügend isolierte und schöner erhaltene Parkinsonien in der Vitrine stehen – ist für mich persönlich fraglos die Ansicht mit der Anhäufung von Brachiopoden, regt diese doch beim Betrachten zu Spekulationen über die Entstehung an.

 

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Abb. 12: Vorher-/Nachheransichten im direkten Vergleich – zunächst von der Schauseite des Ammoniten. Rechts das Ergebnis nach dem Nachpräparieren.

 

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Abb. 13: Vorher-/Nachheransicht der Brachiopoden-Seite.

 

Wie kommt eine solche Ansammlung von Brachiopoden zustande?

Mir fallen folgende zwei Erklärungsszenarien ein (ohne Anspruch auf Richtigkeit):

  1. Die Brachiopoden verankerten sich mit ihren Stielen an der Parkinsonia, die - solange die Bedingungen im Habitat nicht zu turbulent wurden - ein stabiles Substrat für die Filtrierer darstellte. Eines Tages erfolgte dann durch ein Sturmereignis eine für die Brachiopoden letale Sedimentschüttung und diese wurden in Lebendstellung eingebettet. Hierfür könnte sprechen, dass alle Brachiopoden mit der Armklappe auf dem Ammoniten aufliegen, das Stielloch zeigt somit in Richtung des Ammoniten. Diese Position entspricht der Lebendstellung vieler Brachiopoden, möglicherweise also auch der rhynchonelliden Formen aus der dem Parkinsonienoolith(?). Die Brachiopoden liegen überwiegend nicht im Zentrum des Ammoniten, sondern auf der Außenwindung, so dass sie als aktive Nahrungsstrudler durchaus auch in dieser Position dazu in der Lage gewesen sein dürften, sich Zugang zu einem ausreichenden Maß an Nährstoffen zu verschaffen. Die meisten Brachiopoden leben in Kolonien, insofern wäre eine Anheftung gleich mehrerer Individuen an einem geeigneten größeren Substrat nicht ungewöhnlich.

  1. Es handelt sich um eine zufällige postmortale Zusammenschwemmung. Das Ammonitengehäuse stellte eine Fossilfalle dar, an dem sich die im Parkinsonienoolith von Sengenthal recht häufigen Brachiopoden nach und nach ansammelten. Die Art und Weise der Einbettung, auf der Armklappe liegend, entspricht der stabilsten Liegeposition des Gehäuses und wurde allein durch Strömungsortierung verursacht. Gegen diese Variante spricht, dass keine anderen Kleinfossilien vergleichbarer Größe und vergleichbaren Gewichts eingeschwemmt wurden.

Gibt es andere Ideen seitens der Leser oder kann eine der Überlegungen ganz oder teilweise als Unfug verworfen werden? Wer kennt sich mit der Lebensweise von Brachiopoden (speziell rezent lebender Rhynchonellida) aus? Erlauben diese Kenntnisse eventuell Rückschlüsse im Hinblick auf das vorliegende taphonomische Bild? Mir ist bekannt, dass in Sengenthal hin und wieder ähnliche Anreicherungen von Brachiopoden gefunden werden, auch im Zusammenhang mit Ammonitengehäusen. Es wäre interessant, einige dieser Vergesellschaftungen im Forum vorgestellt zu finden! Dies könnte eventuell auch einen Beitrag zu deren Interpretation leisten. Über Reaktionen würde ich mich sehr freuen – vielen Dank im Voraus!

 

Sönke Simonsen