Mittlerer Jura (Dogger)

Fund und Präparation einer spannenden Fossilstufe aus dem Garantianenoolith im Bajocium des Küstenabschnitts zwischen Port-en-Bessin und Ste. Honorine in der Normandie

Das Bajocium der Normandie ist hier bei Steinkern durch die tollen Funde von einer Baustelle in Évrecy vor einigen Jahren für Viele zu einem Begriff geworden. Die ungeheure Vielfalt der Fossilien und die immer wieder neue Zusammenmischung verschiedener Arten auf einzelnen Stufen sind fast nicht zu übertreffen. Dabei wird grob zwischen dem Parkinsonienoolith, dem Garantianenoolith und dem Stephanoceratenoolith vom Hangenden zum Liegenden unterschieden.
Ich persönlich wurde bereits in den 80er-Jahren durch einen Beitrag in der Zeitschrift "Fossilien" auf das Bajocium neugierig gemacht. Es gibt etliche Äcker, auf denen das Bajocium ausstreicht, einige andere Stellen, wo die Schichten in meist verwitterter Form dauerhaft anstehen und letztendlich auch den Küstenabschnitt zwischen Port-en-Bessin und Ste. Honorine, wo zumindest der Parkinsonien- und der Garantianenoolith dauerhaft anstehen. Hier empfinde ich persönlich das Sammeln als wesentlich angenehmer als auf einer staubigen Baustelle und im Grunde auch die Tatsache, dass gute Funde selten sind und man auch quantitativ nur wenig geboten bekommt. So dauert es, bis man einige Sammlungsstücke zusammenbekommt und man muss sozuagen „einen langen Atem haben", um eine Sammlung aufzubauen. Das Abbauen in den Schichten ist zudem verboten und auch so gut wie unmöglich, da über den Oolithgesteinen eine etwa 50 cm dicke Schicht aus dem Unteren Bathonium liegt, die im Zeitfenster der Gezeiten nahezu unüberwindbar ist. Zudem liegt der Bereich des Garantianenooliths auch bei Ebbe noch teilweise im Wasser. Trotzdem arbeiten Ebbe und Flut immer wieder auch kleinere bis mittelgroße Brocken des Gesteins heraus, die man aufsammeln und nach Fossilien durchsuchen kann. Genau so einen Brocken habe ich dieses Jahr einfach so aus dem Strandgeröll aufgehoben und konnte kaum glauben, was mir da entgegenstrahlte.

 

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Abb. 1: Matrixbrocken mit einer Pholadomya sp. (ca. 8,5 x 7 cm), einer Schnecke der Art Lamelliphorus ornatissimus (Orbigny, 1853). (ca. 1,7 x 1,4 cm) und einem Fragment eines Spiroceras sp. (ca. 1 cm) im Fundzustand.

 

Aber zunächst von Anfag an. Meine Exkursionen an diesem Strandabschnitt starte ich immer von Port-en-Bessin aus. Im Idealfall kommt man hier bei ablaufendem Wasser an, denn bei steigender Flut kann man auch von der Flut überrascht werden und der Rückweg versperrt sein. Dieses Jahr begleiteten mich meine Tochter und eine ihrer Freundinnen. Bei der Ankunft fanden wir folgenden Zustand im Hafen vor:

 

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Abb. 2: Der Hafen von Port-en-Bessin bei bereits ablaufendem Wasser.

 

Deswegen setzten wir uns unter das neue Kunstwerk im Hafenbereich und hatten die Gelegenheit Tiere und Menschen im Hafen zu beobachten.

 

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Abb. 3: Hier mussten wir jetzt warten, bis der Strand begehbar wurde.

 

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Abb. 4: Die Zeit nutzte ich auch, um ein paar Fotos im Hafenbecken zu schießen. Hier eine Möwe mit einer Scholle.

 

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Abb. 5: Ein unermüdlicher Fischjäger, der Kormoran.

 

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Abb. 6: Eine französische Schulklasse die die Reste des täglichen Fischfangs der hiesigen Fischer untersuchen, welche sich dieser hier auf die einfachste Art und Weise entledigen - sie werfen sie einfach über den Hafenrand. Hier kann man sich leicht mit schönen Muschelschalen der sogenannten "Pilgermuschel" eindecken.

 

Als dann das Hafenbecken das folgende Bild bot, ging die Wanderung los.

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Abb. 7: Das ist der Zeitpunkt, wo es mit der Strandwanderung losgehen kann.

 

Überall gibt es Fossilien zu entdecken. Zunächst wandert man im Bathonium und auf dem Boden sind häufig tellerförmige Schwämme zu entdecken. Mit etwas Glück kann man in diesen Schichten auch schöne Seeigel der Art Stomechinus bigranularis entdecken:

 

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Abb. 8: Stomechinus bigranularis von einer früheren Sammelaktion (ca. 5 cm).

 

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Abb. 9: Jetzt geht es endlich los...

 

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Abb. 10: ... immer am Küstensaum entlang. Sowohl die Klippen als auch der Strandbereich können nach Fossilien abgesucht werden.

 

Ansonsten kann man auf dem Weg den Strand entlang auch allerhand Meeresgetier entdecken.

 

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Abb. 11: Schön gefärbte Schnecke.

 

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Abb. 12: Für mich eine seltene Muschel, ich hoffe sie lebt heute noch.

 

Die Schichten des Bajociums sind gar nicht so leicht zu entdecken und man muss auch schon ein gehöriges Stück den Strand entlanglaufen. Trifft man dann aber auf das typische Oolithgestein, kann die Suche starten.

Zuhause habe ich mich dann relativ schnell an die Präparation des Stückes von Abb. 1 gemacht. Präpariert wurde ausschließlich mit Druckluftsticheln (HW-10, HW-65) und verschiedenen Schabern. Neben der doppelklappigen Pholadomya sp. befand sich an der Seite noch eine Schnecke der Art Lamelliphorus ornatissimus (Orbigny, 1853). und ein kleines Stück eines Spiroceras. Zudem entdeckte ich in der umgebenden Matrix auch noch eine kleine Garantiana, die es leicht machte die Stufe einer bestimmten Schicht zuzuordnen, da sie ein Leitfossil darstellt. Deswegen sollte der 0,9 cm große Ammonit auch erhalten bleiben. Nach ein paar Sticheleinheiten löste sich derselbe aus der Matrix und wurde zunächst sicher verwahrt, um später im präparierten Zustand wieder anmontiert zu werden. Die Matrix haftete sehr zäh am Fossil und musste nach und nach abgestichelt werden, um dann die Oberfläche möglichst schonend herauszuschaben und zu –bürsten. Die Schalen der Muschel sind um eine Winzigkeit zueinander verschoben und überlappen sich hinten ein wenig. Auch die Ränder sind zum Teil ein ganz klein wenig „ausgefranst", was ich aber tolerieren konnte und auf keinen Fall ergänzen wollte, so dass hier eine absolut authentische Fossilstufe vorliegt.

 

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Abb. 13: Hier hatte ich die Garantiana schon etwas freigelegt und man kann auch schon den Riss erkennen, wo sie sich aus der Matrix löste.

 

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Abb. 14: Der Sockel, auf den die Garantiana gehört, steht noch, die Klappen der Pholadomya kommen langsam zum Vorschein - und sind, zu meiner Freude, schön erhalten.

 

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Abb. 15: Die Schale schimmert schön durch, hier ist allerdings richtige Feinarbeit erforderlich, denn das Gestein ist recht zäh und widerborstig.

 

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Abb. 16: Seitenansicht.

 

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Abb. 17: Hier ist die Garantiana bereits fertig präpariert und wieder angeklebt. Die Fossilien am Rand sind auch schon weitestgehend freipräpariert.

 

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Abb. 18: Im nassen Zustand noch während der Präparation, hier müssen immer noch einige Matrixreste entfernt werden.

 

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Abb. 19: Der Vollständigkeit halber auch noch die andere Seitenansicht.

 

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Abb. 20: Im fertigen Zustand: Stufe mit Pholadomya sp. (8,5 x 7 cm), Garantiana (0,9 cm), Lamelliphorus (1,7 x 1,4 cm) und einem Fragment eines Spiroceras sp. (1 cm).

 

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Abb. 21: Die "Sonnenseite" der Stufe.

 

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Abb. 22: Seitenansicht mit dem "Beiwerk".

 

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Abb. 23: Detailansicht.

 

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Abb. 24: Venteransicht der Garantiana im Sonnenlicht.

 

Die kleine Garantiana habe ich auch mit Hilfe eines von Hardy Winkler neu entwickelten Schabers freigearbeitet, der an einen Kompressor angeschlossen werden kann und durch die Luftzufuhr meist eine freie Sicht auf das zu schabende Objekt erlaubt. Bei mir hat sich dieses Gerät bewährt und mit meinen herkömmlichen Schabern hätte ich doch größere Probleme mit der kleinen Garantiana gehabt.

 

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Abb. 25: Schaber mit Anschlussschlauch von HW.

 

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Abb. 26: Spitze des Schabers.

 

An dieser Stelle möchte ich abschließend noch meinen zweiten schönen Fund dieses Tages zeigen. Die Muschel stammt vermutlich aus der Bathonium-Schicht, welche direkt über dem Parkinsonienoolith liegt, und war schon eine präparatorische Herausforderung, da die Schale sehr dünn und filigran ist und das Gestein zwischen relativ weich bis knallhart alles zu bieten hatte.

 

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Abb. 27: Oxytoma costata (Sowerby), ca. 3 cm, vermutlich Bathonium.

 

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Abb.  28:  Noch einmal aus der Nähe fotografiert.

 

Die hier vorgestellten Fossilien sind genau meine Ausbeute von einem Sammeltag im Bajocium von Port-en-Bessin. Dem einen mag das wenig erscheinen, für mich ist das fast genau der Idealzustand. Wenige, aber schöne Fossilien, an deren Fundumstände man sich noch erinnern kann und beim Präparieren fühlt man sich auch nicht überfordert. Außerdem hat man auch etwass für Körper und Seele getan, indem man einige Kilometer an frischer Luft und sehr schöner Umgebung hinter sich gebracht hat.

Bernhard Jochheim