Mittlerer Jura

Bei Ebay gefunden: Teloceras coronatum aus dem Bajocium (Mittlerer Jura) des Aichelbergaufstieg

Anfang Januar entdeckte ich in der Rubrik "Tierfossilien" des Internet-Aktionshauses Ebay ein Fossil, dessen Werdegang nach dem Kauf ich hier vorstellen möchte. Das Fossil wurde unter dem Titel "Teloceras zum Präparieren" angeboten.

 

Ich zitiere aus dem Angebot des Verkäufers:

"Ein Teloceras zum Präparieren aus dem Schwäbischen Braunen Jura (Mittleres Bajocium) von der Autobahnbaustelle am Aichelberg, Nähe Franzosenschlucht, gefunden 1989. Der Teloceras misst ca. 13 x 10 x 9 cm und wiegt ca. 2,5 kg. Die Präparation wird ein hartes Stück Arbeit. Die Erhaltung entnehmen Sie bitte dem Bild."

 

Das Fossil weckte mein Interesse, da mir ein Teloceras aus Deutschland bisher noch fehlte. Zwar basiert meine Sammlung im Wesentlichen auf eigenen Funden, jedoch interessieren mich durchaus auch Belegstücke von historischen Fundpunkten, an denen man selbt augenblicklich keine Chance mehr hat fündig zu werden. Interessant sind für mich auch Exemplare von Arten, die mir noch nicht vorliegen, hier kam beides zusammen. Noch dazu ist Teloceras eine der kugeligsten Ammonitenformen des Jura und damit ein Kandidat für jede Ammoniten-Sammlung. Insbesondere sind für mich unpräparierte Stücke von Interesse, weil man so ein Gefühl für das Material bekommt und noch eine "Eigenleistung" einbringen kann, bevor das Stück in der Sammlung Platz findet. Bei einem unpräparierten (oder wie hier partiell anpräparierten) Exemplar weiß man zumeist überhaupt nicht oder jedenfalls nie ganz sicher, wie sich das Stück im Verlaufe der Präparation entwickeln wird – diese Ungewissheit und der hohe Aufwand der Freilegung sind Faktoren, die selbstredend bei der Preisbildung berücksichtigt werden. Schließlich bewegt sich der Käufer beim Erwerb eines Rohlings auf einem schmalen Grat zwischen "Tonne" und "Trophäe". Nachdem ich vom Verkäufer auf Anfrage freundlicherweise noch einige bei der Einschätzung der Qualität des freiliegenden Teils des Ammoniten hilfreiche zusätzliche Fotos per Email erhielt, hatte ich einige Hoffnung auf ein ordentlich erhaltenes Fossil und entschied mich mitzubieten. Bei 30,50 Euro zzgl. Versandkosten erhielt ich den Zuschlag, angesichts des noch zu investierenden Präparationsaufwands kein außergewöhnliches Schnäppchen, aber m.E. auch nicht zu teuer für einen Teloceras-Rohling von einem alten Aufschluss. Ich erhielt das Fossil bereits wenige Tage nach Zahlung bestens verpackt mit der Post.

 

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 Abb. 1: Ventrale Ansicht. In den erkennbaren und in der Email des Verkäufers angesprochenen Spalt ließ ich vor Beginn der Präparation reichlich dünnflüssigen Sekundenkleber laufen.

 

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Abb. 2: Die eine Seite des Ammoniten sah im Kaufzustand so aus. Einige Dornen wurden bei der etwas unkoordinierten Arbeit bereits beschädigt. Dies war mit ein Grund dafür, dass ich mich entschied die Gegenseite freizulegen.

 

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Abb. 3: Unpräpariert und mit einem schönen Buckel aus Kalkmergelstein präsentiert sich die Gegenseite.

 

Die erste Sichtung zeigt eine mit ungeeignetem Werkzeug grob vorpräparierte Seite (Abb. 2) und eine noch vollkommen unbearbeitete Rückseite (Abb. 3) sowie einen Ammoniten, der im Bereich der Außenwindung etwas verschoben ist. Ich entscheide mich nach Beratung mit einem Sammlerkollegen zur Präparation der bisher vollkommen unbearbeiteten Flanke.

Der Ammonit ist im Bereich des Nabels, beginnend am Innenbug der Außenwindung noch massiv von Kalkmergelstein umgeben, wie es für die Coronatenbänke des schwäbischen Bajociums typisch ist. Leider (aber ebenfalls fundorttypisch) ist der Ammonit nicht schalenerhalten, was sich beim Feinstrahlen mit Eisenpulver örtlich als problematisch erweist. Im Bereich der Wohnkammer ist der Steinkern stellenweise genauso weich wie das umgebende Gestein, hier kann man nur in flachem Winkel und mit wenig Druck kurz darüber "pusten", um die bankübliche Orangefärbung entlang der am Ammoniten verlaufenden Verwitterungsfuge wegzustrahlen und ein paar überschüssige Gesteinsreste abzutragen. Danach wird die Erhaltung im Windungsverlauf immer besser. Es wird zunächst ein Teil des Venters Venter freigelegt, auf dem sich eine deutliche Lobenzeichnung zeigt. Stellenweise ist der Ammonitensteinkern von Serpuliden besetzt. Ich vermute, dass diese nach Auflösung der Ammonitenschale auf den Steinkern durchgeprägt wurden und nicht etwa durch ein Aufarbeitungsereignis auf einen bereits schalenlosen verhärteten Steinkern aufwuchsen – sollte ich damit falsch liegen, bin ich für Hinweise dankbar. Jedenfalls vereitelte der Bewuchs mit Röhrenwürmern eine gezielte Vorarbeit mit dem Druckluftstichel entlang der steilen Nabelkante, da der Besatz mit Serpuliden – im Gegensatz zum Windungsverlauf des Ammoniten – keinem vorhersehbaren Muster folgt. Umso mehr muss mit Eisenpulver gestrahlt werden. Da sich die Präparation schon einige Stunden hinzieht und noch kein Ende in Sicht ist, entscheide ich mich zu einem "Probeschurf" in Richtung der inneren Windungen bzw. zumindest auf die dritte Windung von außen, um zu schauen, ob sich der ganze Aufwand überhaupt lohnt. Es tauchen beim achtsamen Strahlen tatsächlich Rippen auf – bingo! Die Fortsetzung der Präparation erscheint gerechtfertigt, ich verzichte ersteinmal darauf ganz bis zum Zentrum zu "gründeln". Man ist bei diesen "Tiefbohrungen" nicht nur schneller ein Stück schlauer, sondern macht auch schneller etwas kaputt als beim systematischen Vorarbeiten Rippe für Rippe in Richtung Nabel. Die innersten Windungen sind zudem oft besonders empfindlich und filigran und selbst beim normalen Vorgehen (Präparation von außen nach innen) bei engnabeligen Formen noch schwer zugänglich.

 

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Abb. 4: Der Ammonit nach dem Suchschurf in Richtung Zentrum. Auf 6 Uhr sind zwei Rippen der Innenwindung zu Tage getreten. Das macht Hoffnung, dass der Ammonit "reinläuft".

 

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Abb. 5: Ventralansicht. Unter einem dünnen Kalkmergelfilm kommt ein mehr oder weniger gut erhaltener Ammonitensteinkern zum Vorschein.

 

Einige Stunden später sind die Außenwindung und die größte Innenwindung freigelegt, der Ammonit ist durch die Kompression und den Serpelbewuchs kein Kandidat für einen Schönheitspreis, das zeigt sich bereits jetzt, aber wenn nun noch die Innenwindungen vorhanden sind, wird er dennoch zu einem richtig tollen Belegstück.

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Abb. 6: Die Außenwindung ist weitgehend freipräpariert, doch im Bereich der Innenwindung verliert sich die Struktur des Ammoniten plötzlich im Nichts.

 

Doch dann die bittere Enttäuschung, wenige Millimeter hinter meinem Probeschurf kommt plötzlich keine Fossilsubstanz mehr zum Vorschein (Abb. 6).  Dem ehemaligen Windungsverlauf folgend entdecke ich noch einige schäbig überlieferte Reste der Windung, die kurzfristig Hoffnung aufkeimen lassen, dass der Ammonit nur ein Stück aussetzt. Es manifestiert sich letztlich jedoch die traurige Gewissheit: Das Zentrum des Ammonshorns ist nicht erhalten. Entweder habe ich die schlechtere Seite beim Präparieren erwischt oder einfach nur eines von vielen Exemplaren ohne erhaltene Innenwindungen. Ein Sammlerfreund tröstete mich mit dem Bemerken, dass bei vielen Aichelberg-Teloceraten das Zentrum fehlt, selbst DIETL & SCHWEIGERT 2013 bilden ein zwar sehr schönes, aber letztlich auch ohne Innenwindungen überliefertes Exemplar als Beispiel für die Gattung im Sonderheft 2013 der FOSSILIEN-Zeitschrift ab. Freilich gab es jetzt kein Zurück mehr und die Präparation wurde trotzdem zu Ende geführt.

 

Die Annahme des beidseitigen Fehlens der zentralen Windungen ist in Verbindung mit dem Zeitaufwand der Präparation der Grund, warum ich rückseitig lediglich noch die vom Vorbesitzer aufgerauhte Matrix glättete und keine Freilegung mehr anstrebte. Ein Ammonit mit "Durchguck" ist auch nicht das Wahre, und um das Stück an einer Kette um den Hals zu tragen ist es auch nach der Präparation noch eindeutig zu schwer.

Alles in allem ist das Teloceras dennoch ein charakteristisches (und dank des Fehlens der Innenwindungen auch sympathisch realistisches) Belegexemplar für die Coronatenbänke des Schwäbischen Jura, noch dazu von einem klassischen Aufschluss des 20. Jahrhunderts – also erhält es einen Platz in meiner Sammlung. Wenigstens solange, bis ich selbst ein besseres Exemplar dieser Art in Deutschland finde. Aus Frankreich besitze ich bereits einige schönere, aber überwiegend kleine Exemplare.

 

 

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 Abb. 7: Nach der Präparation wurde der Ammonit mit Rember Steinpflegemittel behandelt. Auf dem Foto lässt sich der Serpelbewuchs des über 13 cm großen Ammoniten ausgezeichnet erkennen.

 

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Abb. 8: Schrägsicht auf das Teloceras, zur Veranschaulichung des breiten Windungsquerschnitts.

 

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Abb. 9: In der Venteransicht präsentiert sich der Ammonit fast wie aus dem Lehrbuch, wäre er nicht ein wenig verdrückt.

In der schon angesprochenen Sonderausgabe der Fossilien-Zeitschrift "Der Braunjura am Fuß der Schwäbischen Alb" (G. Dietl, unter Mitarbeit von G. Schweigert, 2013) wird auf Seite 21 (Abb. 25) eine nachgestellte Füllung einer Baggerschaufel abgebildet, welche die Häufigkeit der Teloceraten in bestimmten Lagen der Coronatenbänke demonstrieren soll. Sicherlich ist das dortige Bild mit einem Exemplar neben dem anderen etwas überzeichnet, aber es tränen zweifelsohne dennoch jedem Sammler die Augen, der den Bau der Aichelberg-Autobahn und entsprechende Aufschlussbedingungen verpasst hat. Allein das Stuttgarter Naturkundemuseum barg damals 220 Teloceraten, die nach DIETL 2013 überwiegend aus den Kalkmergelbänken des Braunjura delta (Bajocium) stammen und deren Vorkommen sich dort im Wesentlichen auf vier Bänke konzentrierte. Das zahlreiche Fundmaterial aus wenigen unmittelbar aufeinanderfolgenden Horizonten ermöglichte erstmals eine Aussage über die Variationsbreite der Gattung Teloceras. DIETL 2013 schreibt hierzu "Überraschenderweise sind danach die Teloceraten eine sehr variable Ammoniten-Gruppe. Zwischen den grob beknoteten (Quenstedts sparsinodum-Typus) und den feinbeknoteten Formen (Quenstedts multinodum-Typus) gibt es anscheinend alle Übergänge. Im Zentrum der Variabilität steht die älteste zur Verfügung stehende, "klassische" Art Teloceras coronatum, sodass man mit einer gewissen Berechtigung die Quentstedt´schen Arten wie Teloceras sparsinodum, Teloceras multinodum und andere hierzu stellen kann."

 

Da mein als Rohling erworbenes Exemplar aus demselben Aufschluss stammt und ich fast mit Gewissheit annehme, dass er aus ebendiesen Bänken stammt, gehe ich davon aus, dass es sich auch hier um ein zu den Spielarten von Teloceras coronatum zählendes Individuum handelt.

 

SCHLEGELMILCH (1985) beschreibt die Gattung Teloceras MASCKE 1907, die er teilweise als Synonym zu Stemmatoceras MASCKE 1907 sieht), übrigens folgendermaßen:

"Großwüchsig, auffallend coronate Formen mit weitem, meist trichterförmig eingesenktem Nabel, wulstig-breiten Primärrippen, die in Dornen an der Stelle größter Flankenbreite in gleichmäßig über den Venter gehende Externrrippen spalten.[...]"

 

Die Hinterfragung der zahlreichen Artbezeichnungen aus älterer Literatur (auch Schlegelmilch nennt sehr viele Arten) durch DIETL 2013 ist erfreulich und ermöglicht auch dem Laien eine Artansprache seiner Fundstücke, zumindest solcher aus den schwäbischen Coronatenbänken.

 

Sollte jemand über Altmaterial vom Aichelberg verfügen, würde der Autor sich über eine Vorstellung der Funde im Steinkern.de Forum freuen. Aussagekräftige Fotos würden auch eine Bereicherung der Steinkern-Galerie darstellen.

 

Literatur:

 

DIETL, G., unter Mitarbeit von SCHWEIGERT, G. (2013): Der Braunjura am Fuß der Schwäbischen Alb, FOSSILIEN, Sonderheft 2013.

 

SCHLEGELMILCH, R. (1985): Die Ammoniten des süddeutschen Doggers, Ein Bestimmungsbuch für Fossiliensammler und Geologen, Gustav Fischer Verlag, Stuttgart, New York, 1985.