Vom Leben und Sterben im Bernsteinwald

Der Baltische Bernstein birgt manchmal bis ins feinste Detail überlieferte Einschlüsse aus Flora und Fauna des eozänen Urwalds Nordeuropas.
Diese zeugen, lehnt man sie an Lebensraum und -bedingungen ihrer heutigen Verwandten, von einem (sub-) tropischen Urwald in dem stehende wie auch fließende Gewässer zumindest im Bereich der Bernsteinentstehung allgegenwärtig gewesen sein müssen. Andere räumlich und zeitlich nahestehenden Fossilienfundstellen (wie die Grube Messel) erlauben weitere Einblicke in diese fremdartige Welt, in der frühe Säugetiere, große flugunfähige Vögel und nur kniehohe Urpferdchen zu den Protagonisten gehörten.

Aus dem Geschichtsbuch der Erde

Aus dieser vergangenen Welt stammt der hier beschriebene Schlaubenstein, der Reste eines Spinnennetzes, kunstvoll befestigt an einer Bernsteinnadel, die Spinne als Baumeister, sowie deren letztes Opfer (eine Zuckmücke) wie ein goldener Sarg umschließt (Abb. 1).


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Abb. 1 Es scheint als wäre vor 45 Millionen Jahren die Zeit stehen geblieben und alle Ereignisse zu einer Szene erstarrt. Die Momentaufnahme zeigt im Inklusenstein die Bernsteinnadel mit Spinnennetz samt Baumeister, sowie das letzte Opfer der Kugelspinne, eine Zuckmücke, die sich im Netz verfangen sollte.


Das Zusammenwirken aller in diesem Bernstein eingeschlossenen Objekte und Darsteller beinhaltet mehr als nur eine Momentaufnahme aus dem Alltag des Bernsteinwaldes. Vielmehr wurden hier Ereignisse mehrerer Tage in chronologischer Reihenfolge erfasst und zu einer einzigen Szene komprimiert.

Mit der uns gegebenen Fantasie vermögen wir, gestützt auf bekannte Daten und Fakten, das was sich einst im flüssigen Harz verfing, noch einmal zu befreien und mit neuem Leben zu behaften.  Wagen wir die imaginäre Zeitreise, begeben wir uns gedanklich an den Schauplatz der Ereignisse...

Geländebeschauung
... wir befinden uns irgendwo in Nordeuropa, ca. 45 Millionen Jahre in der Zeit zurückversetzt, inmitten des weite Teile Europas bedeckenden “Bernsteinwaldes”.
Es ist schwülheiß und wir stehen in einem nach Norden hin ansteigenden Areal betagter Kiefern der Gattung Pinus. Das Unterholz besteht zumeist aus Hartlaubgehölzen, also immergrünen, lederblättrigen Büschen und Sträuchern.
Laub- und Ledermoose gedeihen rasenartig auf dem Urwaldboden, überziehen das reichlich verstreut herumliegende Totholz und bedecken mitunter Teile der Stämme und Äste der noch lebenden alten Kiefern.
Der Urwald wird durchschnitten von einer Landschaft, die in der Vergangenheit von einem Fluss durch wiederholte Überschwemmungen und Flussbettverlagerungen geprägt wurde.
Kleine Gruppen von Zypressen und Sumpfzypressen bilden hier den dominierenden Baumbestand. Weiter finden sich auch hier Hartlaubgewächse, Moose, blühende Sträucher und andere Blütenpflanzen wie Glockenblumen, Storchschnabel und Lilien, die vom Waldrand bis zum direkten Uferbereich farbige Akzente setzen.
Aus der näheren Umgebung dringen Laute durch den Urwald, die dem Rufen von Vögeln der Tropen unserer Zeit ähneln.
Da vor uns raschelt es im Unterholz..., doch nur für einen kurzen Augenblick zeigte sich das graubraune Fell eines kleinen, wieselähnlichen Säugetiers.

Was da fliegt und krabbelt
Viele kleine Tümpel und Pfützen zeichnen sich wie glänzende Tupfer vom moosgrün des Waldes ab, der Fluss ist über seine Ufer getreten und scheint schnell weiter anzuschwellen.
Über den Wassern stehen langsam rotierende, säulenförmige Schwärme von Zuckmücken. Es handelt sich überwiegend um jüngst in den Gewässern geschlüpfte Männchen, die darauf warten, dass die Weibchen zur Paarung in den Schwarm einfliegen.
Überhaupt umgeben uns verschiedenste Vertreter der uns geläufigen Insektenordnungen fliegend und krabbelnd.
Käfer, Wespen und Köcherfliegen sind dabei nicht selten. Die Zweiflügler stellen hier mit Fliegen und Mücken aber sicher den weitaus größten Anteil. Auf dem sandigen, mit Kiefernnadeln übersäten Waldboden sind unermüdlich Ameisen auf ihren “Straßen” unterwegs. Und letztlich zeugen vielerorts im frühen Abendlicht seidig leuchtende Fangnetze auch von einem reichen Spinnenbestand in dieser Region.

Ohne Baumharz kein Bernstein
Die alte Kiefer direkt vor uns scheint, wie viele ihrer Artgenossen, vom Borkenkäfer befallen zu sein. Sie wirkt durch ihre wenigen, teils schon braun benadelten  Äste krank. An einigen Stellen scheint die Rinde aufgeplatzt und die Kiefer hat zum Reinigen und Verschließen der “Wunden” eine zähe und doch flüssige, aromatische Flüssigkeit (Baumharz) ausgetrieben.
Ein erster, recht zähflüssiger, mit vielen kleinsten Holzstückchen angereicherter Harzschwall ergoss sich über ein vorstehendes Rindenstück und erstarrte zu einem langgezogenem Harzfaden.

Diese “Bernsteinnadel” hängt nun vor einer Vertiefung innerhalb der Baumrinde (Abb. 2). Dieses schien ein willkommenes Fundament zum Bau eines Netzes einer Kugelspinne (Theridiidae) zu sein.

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Abb. 2: Die mit vielen kleinsten Holzstückchen durchsetzte Bernsteinnadel, die sich deutlich von den späteren, völlig reinen Harzschichten absetzt.


Fallensteller am Werk
Die Kugelspinne verankerte einige Haltefäden an Baumrinde und Bernsteinnadel, sicherte diese mehrfach (Abb.3) und sponn die Zwischenräume aus (Abb.4). Anschließend zog sie sich nach oben in den sich verjüngenden Schlupfwinkel des Netzes zurück (Abb.5).

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Abb. 3: Sorgsam verankerte die Spinne das Spinnennetz an der Bernsteinnadel.

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Abb. 4: Feinste Netzverwebungen, auch noch 45 Millionen Jahre nach Fertigstellung.

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Abb. 5: Die Kugelspinne im Schlupfwinkel des Netzes.


Weitere Harzschwalle überfluteten kurz darauf einige Bereiche des Netzes. Das Harz muss dabei sehr dünnflüssig gewesen sein, fast wie Öl floss es durch Teile des feinmaschigen Netzwerkes hindurch, ohne jedoch größere Schäden zu hinterlassen (Abb. 6a und 6b).

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Abb. 6 a und b: Sehr dünnflüssiges Baumharz durchströmte Teile des Spinnennetzes, dabei spannten sich zarte Harzhäutchen zwischen den Netzfäden. Wie Schrupfungsrisse anzeigen, trockneten sie ab, noch bevor weitere Harzflüsse auch diese filigranen Strukturen einschlossen.

Beim genauen Betrachten stellen wir fest, dass die Spinne leblos in ihrem Unterschlupf sitzt. Vielleicht ist sie den Ausdünstungen des Harzes (z. B. Terpentin) erlegen.
Eine weißliche Patina umgibt bereits den toten Spinnenleib (Abb. 7), aus der in Kürze eine wattebauschartige, feinfädige Struktur aus Schimmelpilzen heranwachsen kann.


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Abb. 7: Eine weißliche Patina umgibt bereits den Spinnenleib.


Spätes Jagdglück
Ein kleiner Schwarm Zuckmücken nähert sich, angezogen vom Glanz und Duft des goldgelben Baumsekrets, den noch frischen Harzschichten, die das Netz umgeben.
Wie wir anhand vieler Bernsteininklusen wissen, gelangten so viele Mücken direkt in die tödliche Harzfalle. Die Mehrzahl der pflanzlichen und tierischen Einschlüsse im Bernstein befinden sich auf den Schichtgrenzen der verschiedenen Harzflüsse, die dann von weiteren Harzschichten überdeckt wurden.
Unterhalb des Netzes der Kugelspinne haftet ein kleiner, grün-blau gefärbter Gecko am Stamm der alten Kiefer. Er beobachtet das Anfliegen der abgelenkten Zuckmücken und schnellt in einem kurzen Sprint ein Stück des Stammes empor. Davon aufgeschreckt wirbelt der Schwarm auseinander. Mit einem weiteren kurzen Spurt zur Rückseite des Stammes entzieht sich der Gecko unserem Blickfeld.
Aber was ist das... eine weibliche Zuckmücke hat sich soeben, knapp unterhalb der toten Kugelspinne, mit Thorax und Gliedmaßen im Spinnennetz verfangen (Abb. 8 und 9). Alle Befreiungsversuche bleiben erfolglos, die Falle der Kugelspinne schnappte zu - ein letztes Mal!
Weitere Harzflüsse am folgenden Tag sollen das Schicksal der Zuckmücke dann auf ewig (ver-) besiegeln.

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Abb. 8: Die im Netz gefangene weibliche Zuckmücke (Chironomidae), die ihren Überlebenskampf verlor.

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Abb. 9: Die Verlumung des Abdomens der Zuckmücke zeigt an, dass die Sonne die im Harz eingeschlossene Mücke von der entgegengesetzten Seite beschien.

Schlussakt  
Die Sonne berührt jetzt den Horizont und mächtige Wolkenbänder schieben sich rot und blau glimmend wie ein Vorhang über diese Tagbühne. Im Norden, in den höher gelegenen Regionen des Urwaldes dagegen ist der Himmel bedrohlich dunkel und lässt vermuten, dass sich hier sehr ergiebige Regenfälle ergießen. Der kleine Fluss entwickelt sich langsam zu einem Strom und könnte, wenn er weiter anschwillt, in den nächsten Tagen unsere Kiefer erreichen, sie unterspülen, entwurzeln und mit den reißenden Fluten flussabwärts transportieren. Dort unter Sediment begraben könnte die Entwicklung des Baumharzes zu einem Inklusenstein zu seinem Abschluss kommen...

Epilog
... nun am Ende unserer fiktiven Reise zurück in der Gegenwart, blicke ich auf den geschliffenen und polierten Inklusenstein in meiner Hand.
Nach ca. 45 Millionen Jahren gelangte diese im Bernstein eingeschlossene Szene wie eine Seite aus dem Tagebuch des Bernsteinwaldes, durch glückliche Umstände und über weite Distanzen in meine Reichweite, zu künden vom Leben und Sterben aus einer Zeit als Geschichte nicht auf Papier, sondern in Baumharz verewigt wurde.


Michael ("boborit") für Steinkern.de


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Mehr über Bernstein findet Ihr im neuen Steinkern-Unterforum "Bernstein & Kopal".